„Nichts als die Reisekosten und eine geringe Vergütung meines Lebensunterhaltes.“

Frau Gunter streifte einen Perlenring vom Finger, der von Brillanten eingefaßt war. Aus ihrem Portemonnaie nahm sie eine Geldnote. „Dies ist für die Reise. Den Ring versetzen Sie und bringen mir gleich den Versatzschein. Ich habe jetzt nicht mehr entbehrliches Bargeld und, da ich die Sache geheim halten muß, können Sie auch in nächster Zeit nichts erwarten.“ Sie legte den Kopf auf den Arm, als wollte sie nichts hören mehr und sehen. Ein lautloses Schluchzen erschütterte sie. Konrad nahm Geld und Ring, verbeugte sich und verließ rasch die Wohnung.

Er ging zunächst in das Versatzhaus, erhielt eine erstaunlich hohe Summe für den Ring und machte sich dann auf den Weg zu Hedwig, bei der er das Geld bis zu seiner Abreise aufbewahren wollte. Sie war nicht zu Hause. Nachmittags brachte er den Schein zu Frau Gunter, die ihn nochmals über seine Absichten ausforschte und, nun ruhiger geworden, Weisungen gab, wie er sie benachrichtigen und was er im Notfall veranlassen sollte. Er fühlte, daß es ihr unmöglich gewesen war, seine Hilfe abzuweisen, da ihr Gewissen sich belastet fühlte, aber er empfand deutlich, daß er als Ruhestörer aufgetreten sei und eine schon begrabene Hoffnung aufgewühlt hatte. Er ersah, daß Vögelchen heimatlos war und daß nur Leidenschaft ihr Obdach bot. Aber hinter all den Zweifeln über seine Mission stand die Gewißheit, er würde Ariel wiedersehen.

Als es dämmerte, klingelte er nochmals bei Hedwig an. Sie wohnte weit draußen in der Vorstadt, im entgegengesetzten Stadtteil der väterlichen Wohnung. An der Türe war mit einem Reißnagel eine Visitenkarte angebracht. Auf dieser stand: Hedwig Torn-Kruger, Malerin.

Hedwig

„Wahrhaftig, der Konrad,“ rief eine helle, klingende Stimme zwischen dem leicht geöffneten Türspalt und schon flog die Tür auf und die Schwester zog ihn in den Vorraum. Hedwig, das sah man auf den ersten Blick, war aus der Art geschlagen. Vielleicht war die Mutter einst ihr ähnlich gewesen. Nun schien sie gegen die Angehörigen gesehen ein Kolibri in einer Gemeinschaft von Fledermäusen. Konrad war zwei Monate nicht da gewesen und der Geruch der Ölfarben, die saubere, eigenartige, wenn auch mit den primitivsten Mitteln hergestellte Einrichtung heimelten ihn gleich wieder an. Und Hedwig sah gebräunt aus und hübscher denn je.

„Wo ist der Junge?“ fragte Konrad und deutete auf das leere Stühlchen, auf dem nun des Kleinen Harlekin sich breit machte.

„Endlich in guten Händen,“ sagte Hedwig lachend. „Meine Freundin Marie, weißt du, die Kollegin aus der Malschule, hat ihn seit drei Wochen in Mödling draußen. Mir ist nicht wenig bang nach ihm, das kannst dir denken. Er ist ja so lieb jetzt. Weißt du auch, daß er dein Bild erkennt? Okki sagt er.“

Konrad liebte den kleinen Jungen und war sichtlich verstimmt, daß er abwesend war.

„Daß du dich aber wieder hergetraut hast nach der Ohrfeigengeschichte, Konni,“ sagte sie und sah ihn zärtlich an. Eine Träne schimmerte in den dunklen Augen, die jenen der Mutter glichen. Sie streichelte seine behaarten Hände.