„Ich wußte es,“ sagte sie leise. „Damals auf der Stiege im Schloßhofturm! Erinnern Sie sich! Ich habe es später begriffen. Damals erschrak ich nur, als Sie mich, die Zwölfjährige —“
„Und jetzt?“ fragte er mit tiefem Ernst.
„Mich machen diese Dinge unsagbar traurig,“ erwiderte sie. „Ich kann niemals über sie scherzen, so wenig als ich lachen könnte, wenn jemandes Gesicht von Blatternarben seltsam verzerrt ist.“
„Sie sollten strafen können,“ sagte er. „Das täte wohl!“
„Was nützte es? Mein Mitleid würde den Schlag kühlen, eh’ er noch gefallen wäre.“
„Sie sind ein Engel,“ sagte er.
„Ich bin nur eine Frau.“
„Ja,“ erwiderte er voll Andacht, „denn es gibt auch rächende Engel. Die Frau aber in ihrer Vollendung kennt nur Linderung und Verzeihen. Aber an sie zu glauben, ich hielt es für verwegener als das Wunder zu erhoffen.“
„Und dennoch täte Strafen wohler denn Verzeihen?“ fragte sie schmerzlich.
„Verzeihen bedeutet Vertrauen,“ sagte er. „Die Strafe bejaht die Schuld, indem sie bestraft, das Verzeihen macht sie unwirklich. Der Verzeihende allein ist es, von dessen Herzensreinheit wir Strafe wünschten, vom Strafenden ist uns selbst Verzeihen bitter.“