„Sie sollten Givo kennen, Imanuel Givo.“ Sie sah auf die Uhr. „Vielleicht kommt er noch heute! Er ist der Apostel eines wunderbaren Heiles. Es heißt schauende und wirkende Demut. Er hat eine heimliche Gemeinde, seine Lehre ist eine zugleich neue und uralte Religion. Er hat sie weitergegeben und nun erfüllt sie sich stündlich. Wer in ihr ist, lebt in Seligkeit und nichts stört seine Weihe. Und nichts, nichts vermag ihn zur Überhebung zu verleiten und zum strafenden Urteil. Denn in ihm ist nichts, was sich mit anderen mißt und andere wägt, weil er einzigartig ist und der andere wieder ein anderer und eigener.“
„So gibt es denn Einklang von Wissen und Tun?“ fragte Mannsthal.
„Es gibt diese Wahrheit und diese Liebe,“ erwiderte Angele. „Liebe allein kann heilen und wie oft hat Lieblosigkeit das Laster verschuldet. Wenn ich einen auf Abwegen sehe, frage ich mich: ist er denn auch genug geliebt worden?“
Und sie begann wieder von Givo zu erzählen. Er sei Spanier und stamme von Mystikern ab. Das Leben, das jahrhundertelang in seiner Familie geübt worden, war in ihm als Jüngling zur Ekstase aufgeblüht. An seinem Wort hätten andere sich entzündet. Als er die Menschen kennen lernte in der Klarheit der Ernüchterung, in die ihn die Großstädte versetzten, hätte Mitleid seinen Abscheu vor den menschlichen Lastern besiegt. Er wollte lieber selbst schuldig werden, um nicht erhöht zu sein über die Schuldigen. Nun sei wohl die Heiligkeit seines Feuers erloschen, sie sei nur ein unterirdisches Leuchten mehr, aber seine Seele wärme jeden, der ihm nahe. Er lebe wie ein Einsiedler und dennoch in Fühlung mit den Menschen aller Welten. Seine Lebensflucht seien die Sterne. Er wäre Astronom. In der Atmosphäre bade er sich rein. Sein Wissen knüpfte sich an uralte Wissenschaften. Dabei sei er klar und einfältig wie ein Kind in den menschlichen Dingen und im Menschlichsten wissend und rein zugleich. Sein Handeln folge seinem Instinkt, so sei er denn zuweilen erstaunlich.
Als Givo eintrat, mit leichtem freudigen Gang auf Angele zueilend, deren Hände er küßte, dann ein wenig erschrocken vor dem Fremden sich verneigend, erkannte Mannsthal blitzartig Vögelchens schwarzen Ritter. Sie war ja nicht müde geworden, ihn auf das genaueste zu beschreiben. Seine Handlungsweise paßte auch völlig zu dem, was Frau von Twede erzählte. Das übrige besorgte einer jener merkwürdigen Instinkte, den oft Frauen besitzen, wenn ihre Sinne durch Eifersucht geschärft sind. Aber ehe Mannsthal an eine bevorstehende Begegnung Givos mit Vögelchen dachte, rascher also als ein Gefühl der Abwehr ihn befallen mochte, bezauberte ihn dieser Jüngling im Mannesalter, dieser Mann mit der knabenhaften Feurigkeit einer fanatischen Seele. Und er erkannte seine Lehre. Sie war ein Kampf gegen die geistigen Gifte, die verborgenen, die bekannten und die unentdeckten, deren Wirkungen kaum als Folgeerscheinungen von geheimnisvollen Vergiftungen gekennzeichnet waren. Auch der Wahn war ein Gift und wie vielfältig war er! Auch die Lieblosigkeit war vielleicht nur eines jener Toxine, die Ermüdung erzeugt und jene Nervenverfassung, die das Leben und das Lebendige herabsetzt, statt es zu erhöhen. Kraftlosigkeit, die neben sich für andere nicht mehr das Auskommen findet. Givo sah eine Welt von Menschen, die es zu lieben und zu heilen galt ohne Strenge, ohne Drohung, ohne Versprechen, Liebe durch Liebe, Weisheit durch Liebe, Segen durch Liebe. Und diese Liebe selbst? Sie war nicht Nachahmung eines erhabenen Lebenswandels, der entrückt war, nicht Liebe um eines Liebenden willen, Christi Nachfolge nur um des Himmelreiches Lohn, sie war die Einsicht, das Handeln des Menschen, der sich seiner begibt im Erkennen und sich genießt in diesem Sichbegeben. Um keines Dankes willen im Himmel oder auf Erden, um keiner Tugend, keiner Unsterblichkeit willen, um keines Glaubens willen waltete diese Liebe. Sie war die Weisheit und die Weisheit um alles Menschliche war ihr Glauben. Sie war die Ruhe und das Ruhen in allem Lebendigen war ihr Leben. Sie war das Leben, und das Sein ihr Paradies in allen Zeiten. Für sie war nicht Anfang und Ende, sie hörte nimmer auf, ihr Anbeginn tauchte in der Zeiten Urnebel und reichte, soweit Raum war. Sie war der Glauben der Liebe und der Glauben der ewigen Weisheit war ihre Ewigkeit. Ihr Ewigsein war ihre Ruhe. Und sie war zu Hause, im Kelch der Blüten, der sich auftut für Biene und Rosenkäfer, in der Wolke, die als Regen den Durst der Felder labt, sie nistete wartend um die Wiege des Säuglings und hütete der Kinder Entfaltung, sie war im Schoß des Weibes und in der zeugenden Kraft des Mannes, sie beugte sich über das Lager des Fiebernden und saß bei dem Ratlosen, sie zündete die Lampe an in des Verlassenen Haus und beschwichtigte den Verfolgten und barg den Verstoßenen. Sie forschte in den Laboratorien und sang ihre Kunde in unsterblichen Melodien. Und oft tat sie nichts als stillehalten. Sie schwieg dem Zornigen, sie erwiderte nicht dem Bösen, sie strafte nicht den Verleumder und höhnte nicht den Höhnenden. Und zuweilen tat sie mehr noch, sie machte den Zorn, das Böse, die Verleumdung, den Hohn zunichte im Vergessen. Sie versenkte sie, streute ihren Samen auf und ließ frische Blumen erblühen. Und wenn sie mit ihrem eigenen Blute die Erde des Vergessens düngte, so war es der Seele Acker, der Blumen Trieb und die hießen Verstehen, Vergeben, Verwinden, und andere wieder hießen: Verschenken, Verwandeln, Vergolden und Vertrauen. Im täglichen Leben tat Givo für eine häßliche alte Frau dasselbe, was er für die junge Arabella getan. Er war der Freund seiner Nachbarn, unter denen er stille hauste und fast ungekannt war bis zu dem Augenblick, wo sie seiner bedurften. In seiner Wissenschaft ging er seine Wege und was den anderen frommen konnte auf den Entdeckungsfahrten seines Forschens warf er ab, verschenkte es, ohne ein Quentchen nur des Ruhmes zu erheischen. Was er in seinem Fach erstrebte, war ein Spiel fast. Er suchte Fäden von den mittelalterlichen Gelehrten in die Forschungen der Neuzeit zu spinnen. Sein Werk war eine Andachtübung, ein Dank für verschollene Arbeit. Dazwischen arbeitete er „exakt“, aber nur nebstbei, doch dies zwang, seine Werke ernst zu nehmen, und zu der Zeit, als Mannsthal ihn kennen lernte, wurden sie bereits als eine Art preziöser Kostbarkeit geschätzt. Angele von Twede meinte, daß er sich dies scheinbar müßige Treiben erlauben dürfe, weil sein Leben von Mensch zu Mensch werktätig war wie kaum ein anderes. Mannsthal fieberte, Givo näher kennen zu lernen. Er selbst hatte ja, verborgener vielleicht als dieser junge Prophet, Menschen hingebend geholfen, das Äußerste oft gewagt nicht um Dank und ohne Pflicht. Das Pflichtgefühl der anderen, er besaß es nicht. Sein Gefühl für die Menschen war brennende Neugier und Wissen um Ungeahntes. Dies allein verpflichtete ihn zuweilen, daß er Verborgenes wußte, weil er mitschuldig wurde an Unglück und Schuld, wenn er nicht warnte, riet und half. Aber dies hinwieder hatte ihn hartgesotten Verfehlungen gegenüber und den leichteren Leiden. Oft war er Menschen wie ein Engel erschienen und es quälte ihn, daß er nicht zu sagen vermochte, wie sehr er heimlich bedankt war auf seine Weise und nichts geopfert hatte. Ihm, der jede zarte Regung des Wunschgefühles, die Einschätzung des anderen völlig erriet, ward zum Kinderspiel ein Leben zu krönen. Aber letzten Endes war seine Güte Können, Abfall seines Überflusses, Virtuosität und nicht Wille zum Guten. Sie war Reichtum, Mut, Waghalsigkeit, Experiment, Spiel. Givo aber? Er wußte um alle Laster, aber keines schien um ihn zu wissen. Er hatte sie gesucht, um ihre Geheimnisse zu erkennen, hatte ihr Leid, ihre Reue auf sich genommen um wenig Freude und um der Wollust willen, den Elenden näher zu sein. Die Gefahr war an ihn herangeschlichen in diesen Leiden zu versinken. Sein Sieg, seine Beschlossenheit hatte etwas Weihevolles. Vielleicht war er alt, wiewohl er ein Jüngling schien, war Mensch gewesen, da andere noch Kinder sind, vielleicht lag jene Zeit, in der die Seele durch feurige Tiefen geht und abstürzt aus frevelhaften Höhen, weit zurück, getrennt durch ein Leben, das schon Ewigkeit war? Einer seiner Vorfahren hatte als Knabe im Tempel gepredigt.
Angele sah die Wirkung, die Givo auf Mannsthal ausübte. Sie verstummte, sie wollte kein Wort und Gegenwort der beiden mit dem eigenen durchkreuzen. Ihre Seele hielt Wache und hütete den Faden, der von dem einen zum anderen sich spann. Aber Givo, das sah sie, wiewohl er in Mannsthal vielleicht wie in keinem anderen einen Ebenbürtigen im Menschlichen spürte, Givo blieb in seiner Welt und zögerte ihm die Gabe seiner Inbrunst zu reichen.
Adalbert hatte ihn nach der Stätte seiner Arbeit gefragt. Givo berichtete, daß er zu Gaste sei bald da, bald dort. Später gedenke er in einer eigenen Sternwarte zu arbeiten und seßhafter zu werden seiner Mutter zuliebe. Aber noch wisse er den Platz nicht. Angele meinte lächelnd, er warte ein Zeichen ab, ein Meteor.
„Wo soll der Tempel stehen?“ sagte er lächelnd, den Scherz aufnehmend. „Eine schöne Legende aus dem Palästinischen fällt mir ein.“
„Erzählen Sie,“ bat Frau von Twede.
In diesem Augenblick öffnete der Diener leise die Tür und ebenso leise trat Arabella ein. Der Saal war groß, sie durchschritt ihn, der dicke Teppich verschlang das Geräusch ihres Schrittes, sie blieb an der Türe des kleinen Zimmers stehen. Da drinnen sprach einer, da erzählte einer. Wessen war diese Stimme, oh diese Stimme! Er sah sie nicht, sie horchte atemlos. „Der Tempelplatz war einst eine Dreschtenne, die zwei Brüdern gehörte. Es war der eine verheiratet, der andere lebte allein. Als die Ernte vorüber war und sie geteilt hatten, legte sich ein jeder zu seinem Kornhaufen, um das Gedroschene zu behüten. Da erwachte einst nachts der Verheiratete, sann über seine Ernte und sagte sich: „Ich bin reich, habe Frau und Kinder und hoch ist mein Korn. Er aber, der Bruder, ist einsam, es betreut ihn keiner, einsamem Alter geht er entgegen. Warum soll ich glücklicher sein als er? Ich will ihn erfreuen, will ihm von meiner Ernte geben. Leise stand er auf und schleppte emsig einen Teil seines Kornes zum Haufen des Schlafenden. Die Arbeit hatte ihn müde gemacht und nun störte nichts mehr seinen Schlummer. Indes erwachte der andere. War nicht ein Flüstern in dem Stoppelfeld, nicht ein Rieseln im goldenen Korn? Wie reich war sein Haufen und er bedurfte so wenig, indes der Bruder Weib und Kind besaß. Böte er ihm Geschenke an, wies der ihn wohl ab, so stand er auf und trug einen Teil seines Kornes hinüber zum schlafenden Bruder. Des Morgens hatte ein jeder gleich viel Getreide, keiner wußte, wie ihm geschehen, und sie fragten einander nicht. Gott aber erwählte die Dreschtenne zur Stätte des Tempels.“