„Jetzt aber fände Arabella an dieser Mutter eine in ihrer zweiten Ehe glücklich verankerte Frau, die im Grunde nur ein Kind hat, das sie ihrem zweiten Mann geboren. Daß sie sich nach Vögelchen sehnt, ist eine Erfindung dieses Verrückten, der Arabella in seine Heimat zurücknötigen will. Ich bin gewiß, daß Frau Gunter beruhigt war, als sie erfuhr, daß ich ihre Tochter nicht heiraten werde und daß sie zufrieden unter gutem Schutze lebt. Am Tage meiner Verheiratung habe ich Arabella eine lebenslängliche Rente ausgesetzt, die ihr erlaubt in bestem Wohlstand zu leben. Dies habe ich Frau Gunter mitgeteilt und sie hat seither ihrem Pariser Vertreter geschrieben, daß er nunmehr seine Nachforschungen, die ihr wohl auch zu kostspielig geworden sind, nicht weiter verfolge. Würden Sie selbst Arabella raten sich in dieses fremde Heim einzudrängen?“
Givo hatte den Kopf in die Hand gestützt. Er empfand in diesem Augenblick eine grenzenlose Liebe für das Mädchen, das seine Geliebte war und dem er Obdach und Zuflucht sein wollte. Hatte er aber nicht das Unrecht gehäuft, wenn er es als Unrecht empfand, daß der Mann ihm gegenüber das Kind besessen, der Mann, dessen Schutz sie noch unterstellt war. Oh, daß er sie nicht für alle Zeiten jedem fremden Anrecht entreißen konnte! Das Bild seiner zelotischen Mutter stand säulenhaft aufgereckt vor ihm auf und drängte die Worte in seine Kehle zurück. Noch konnte er sie nicht zur Frau verlangen.
„Nun, lieber Givo,“ sagte Mannsthal, der nicht mehr auf Antwort wartete. „Ich halte es für besser, wenn ich Ihren Rat befolge, mich jetzt zu entfernen. Sie reisen —?“
„Morgen in der Früh —“
„Auf Wiedersehen, cher Givo — bis — wie sagten Sie doch, Gras über der aufgewühlten Erde steht. Und — — ich würde Ihnen danken, aber Sie — ja selbst Sie verachten mich ja —“
Givo sah fragend in Mannsthals Blick. Spottete er oder war er ernst? „Ich achte Sie als den Gatten Angeles,“ sagte er. „Ich liebe Sie als einen, der gelitten hat.“ Mannsthal reichte ihm die Hand, Givo berührte sie leicht, er geleitete ihn zur Türe. Dann ließ er sich Papier geben und schrieb an seine Mutter.
Celia hielt Andachtsstunde in der Glycinenlaube.
„Ich will euch vom heiligen Coemgen, dem Gründer und Vorsteher des Klosters Glendalough, erzählen,“ sprach sie. „Der war schon ein Greislein geworden, ging vornübergebeugt wie die Bauern, denen lange Arbeit den Rücken gekrümmt. Der heilige Coemgen war auch ein emsiger Ackersmann gewesen, er hatte Liebe gesäet sein Leben lang. Nun war er hochbetagt, da überkam ihn Wanderlust. Als er Wiesen und Wälder durchschritt, öffnete sich ihm eine moosige Zelle und der heilige Einsiedler Barban trat hervor und sagte: „Wohin, Mann Gottes? Was wanderst du umher statt still an Ort und Stelle abzuwarten, bis sich die Unruhe in dir löst. Oder hast du jemals vernommen, daß ein Vögelchen seine Eier im Flug ausbrütet?“ Heilsam beschämt kehrte Coemgen zurück gegen Glendalough. Am Wege aber wollte er noch den blinden heiligen Berchan besuchen. Der ließ dem staubbedeckten Pilger ein laues Bad bereiten und, als nun die beiden heiligen Männer beisammen saßen, da rief der Blinde, als wäre er sehend geworden: „Was sitzt denn auf den Schuhen dieses frommen Pilgrims? Ich glaube gar, es ist ein Dämon! Hinweg, du Ausgeburt, wie wagst du es, den Schuh des Abtes zu berühren! Fort mit dir!“ Aber das Teufelchen auf dem Holzschuh rief: „Wir haben uns lange abgeplagt und konnten dem Braven nichts anhaben. So mußten wir es versuchen, ihn unter dem Schein des Guten aus seiner heiligen Ruhe zu locken. Ich schlüpfte in seinen Schuh und habe ihn zu dieser Pilgerreise verführt.“ So sprach das Teufelchen und verschwand. Der heilige Coemgen gelangte nach Glendalough und verharrte fortan in Frieden, bis er verstarb. Das Schuhteufelchen aber blieb am Leben und jüngst hat es seinen Besuch in Chaly gemacht. Da gefiel ihm ein kleines Stiefelchen aus schwarzer Seide an einem zierlichen Füßchen, das viel kleiner war als der Holzschuh des heiligen Coemgen, in den schlüpfte es und hieß es davoneilen, ohne Beratung. Wohl ihm, daß es auf dem Wege Schutz gefunden hat und klüger zurückgekehrt ist nach seinem Glendalough.“
Das war alles, was Celia über Arabellas heimliche Reise sprach. Vögelchen aber wartete, bis die anderen gegangen waren, dann kniete sie vor Celia hin und küßte ihre Hand und obwohl Givo im Hause war, blieb sie um Alphi beschäftigt und all die versäumten Vorfälle seines kleinen Lebens, die ihr Helene berichtete, schienen ihr von größter Wichtigkeit. Givo aber saß wie an jenem ersten Abend, da er Vögelchen zu Celia gebracht, im Bücherzimmer beim Abendtee mit der Freundin allein.
„Du mußt deiner Mutter Widerstand besiegen,“ sagte sie. „Oder willst du sie nicht aufnehmen in dein Leben um des einen willen, das sie dir teuer gemacht hat, daß sie rein durch das Laster gegangen ist?“