„Die waren die Erholung, die Betäubung, der gefeite Boden sozusagen, wo nicht gekämpft wurde. Denn da drinnen,“ er zeigte auf seinen Kopf, „sah es aus wie auf einem Schlachtfeld.“

„Auf dem schließlich ein Sieg erfochten wurde?“

„Der steht noch aus,“ sagte er. „Ich brauchte halt Hilfe.“ Er lächelte ungeschickt. Das rührte sie.

„So, so, nun da stell’ ich mir vor, daß sich jemand finden könnte.“

„Glauben Sie?“

„Ja.“ Sie sagte es mit den Augen.

Und als er dann die böse Nachricht erhielt, ging er zu ihr. Er hörte sie mit dem Buben lachen. Da hatte er nicht das Herz es ihr zu sagen. Weggehen wollte er auch nicht. Er trat ein und log, er wüßte noch nichts, wäre nur wegen des Bildes gekommen, sie möchte es selbst hängen, draußen in seinem Haus. Sie fuhren zu ihm, im Fiaker, in dem er gekommen war. Der Bub saß auf dem kleinen Klappbänkchen. Da hatte sich ihm ein Traum verwirklicht, dessen Erfüllung er erst mit der Firmung erwartete, auf einem Klappbänkchen im Fiaker zu sitzen. Bei der „Linie“, die jetzt schon tief im Weichbild der Stadt ist, mußte der Wagen stehen bleiben, vom Zollbeamten angerufen. Hedwig verschloß ihr Bangen um Konrad und war fröhlich mit dem Buben. Bei einem Heurigen beschlossen sie den Abend. Wochenlang schob er es auf, von Begegnung zu Begegnung, ihr die Todesnachricht zu sagen. Eines Abends schlug er ihr vor mit dem Buben zu ihm zu ziehen, das Haus ihm zu leiten. Als sein Entschluß gefestigt war, nicht länger ihr die traurige Wahrheit vorzuenthalten, schwoll seine Zuneigung zu unaufhaltsamem Begehren. Er nahm sie zu eigen. Längst hatte auch sie ihn liebgewonnen, den sanften Spötter. Er würde dem Kleinen ein Vater sein, das fühlte sie, obwohl er oft selbst wie ein Kind war, das sie schützend sich in ihren Schutz begeben. Am Morgen ihrer Vereinigung sagte er ihr, daß der Bruder tot sei. Nun hatte sie ein Heim, darin ihr Schmerz sich mählich auflösen konnte in ein stilles Glück.

Doppelleben

Arabella erfuhr nichts von Konrads Tod. Und noch ahnte sie nicht, daß sich eine willensstarke Frau um ihres Sohnes willen gegen sie verschworen, um mit zäher Sicherheit ihr die neue süße Ruhe zu rauben. Sie hing mit großer Zärtlichkeit an Cecile und, da Clothilde das Asyl verlassen hatte und Anna auf einige Zeit in ihre Heimat gereist war, nahm sie allerlei Pflichten auf sich und wurde ein brauchbarer Mensch in den täglichen Anforderungen des Lebens. Wenn Alphi schlief, beteiligte sie sich mit Inbrunst an den der Musik gewidmeten Stunden und las mit Helene die wertvollen Bücher aus Ceciles Bibliothek. Givo kam ein, auch zwei Mal des Monats, blieb den Sonntag und gab noch ein oder zwei Tage dazu. Er sah mit Kummer, daß Ceciles Gesundheit immer gebrechlicher wurde und beriet sich mit Dr. Blanc. Den drückte noch eine andere Sorge. In Chaly begannen Stimmen laut zu werden, daß man im Asyl ketzerisch lebe, niemals sei von seinen Bewohnern jemand in der Messe zu sehen. Da machte sich Givo auf und ging mit Arabella zum Segen. Stickig war es und finster in der Kirche, ernst, fast drohend stiegen die gotischen Pfeiler auf, ohne Tröstung. Die Menge schien zusammengeschweißt im Gebet, wie ein Leib waren ihre knieenden Leiber, wie Murmeln eines Einzelnen ihre Zwiesprache mit Gott. Über all das Dunkel streckten sich die vielfarbigen Fenster und spannen blumige Lichtgarben zu einander. Arabella, die selten nur eine Kirche besuchte, war ergriffen. Die Orgel begann ihr erlösendes Spiel. Sie stand neben Givo aufrecht zwischen den Knieenden und hielt ihr Herz zu Gott hinauf inmitten der inbrünstigen Ströme der Fugen. Dank kam über sie und Demut des Gebetes. Sie kniete hin und ließ die Seele mitjauchzen im Gesang, der aufrauschte aus der Menge. Givo sah, wie sie ohne sich zu besinnen niedergekniet und tief versunken war. Wieder war er von zärtlicher Rührung übermannt und wieder mischte sich dieser, wie so oft schon, ein Gefühl schicksalschweren Wissens über dieses in seiner Hingebung wehrlose Wesen, das seinem Schutze anvertraut schien und das er dennoch nicht würde bewahren können vor der allzu großen Last der Liebe. Ja, vielleicht würde er selbst sie beschweren! Schon war alle Freiheit verwirkt, sie konnten einander nicht lassen. Givo war froh, als sie aus der Kirche traten. Zu dick war ihm dort die Luft. Aber er hatte Cecile geholfen und dem Asyl. Man hatte Arabella gesehen, wie sie in aufrichtigem Beten kniete. Ihre Andacht sicherte, ohne daß sie selbst den Sachverhalt ahnte, den Bestand des Asyls auf weitere Zeit. Denn nun schwiegen die bösen Zungen.

Als Vögelchen Manuel zur Bahn geleitete, hielt er sie lange im Dunkel des Weges im Arm. Schwer nur gestand er ihr, daß er auf längere Zeit verreise, zu seiner Mutter, in den Norden Deutschlands. Arabella nahm erschrocken seine Hand: „Nimm mich mit zu ihr, nimm mich mit! Ich will sie lieb haben.“ Da trieb es Manuel die Tränen in die Augen.