„Nein, Kind, es geht nicht. Aber wenn ich wiederkomme, hol’ ich dich zu mir, ganz zu mir!“ Vögelchen sagte kein Wort mehr. „Es geht nicht,“ sprach es immer wieder in ihr, es geht nicht! Zum ersten Male hatte er sie verwundet, sie, die kaum geheilt war von altem Leid.
Zora hatte an Givo geschrieben. Er kannte die Schrift nicht. Es war der erste Brief, den er von ihr empfing. Sie schrieb ihm, daß die Mutter schon etwas gesprächiger sei und nun stündlich seine versprochene Ankunft erwarte. Er möchte nur getrost kommen und nicht allzusehr erschrecken, wenn er erführe, wer die Braut sei, die ihm erwählt worden. Denn diese wäre ja fest entschlossen niemals zu heiraten, da sie einzig ihrer Geige Treue geschworen. Und er, Givo, der Heilige, werde doch nicht ein Zigeunermädchen aus Hispaniens Fluren ehelichen, das nichts Schöneres sich erträumte als sich heimatlos durch die Welt zu geigen. Er sollte der Mutter nicht trotzen, die von ihr erwählte Braut würde ihm Treue bewahren, indem sie sich weigere seine Frau zu werden. So hätte er denn weniger zu fürchten, als wenn die Zukunft ihm eine Willfährige entgegenführte. Nur eilig kommen möge er, denn sie wolle die Tante nicht verlassen, ehe er nicht eingetroffen sei, und jeder Tag, den sie später eintrete in die Glaubensschule, bedeutete Aufschub ihrer späteren Freiheit. Er möge ihr beistehen, schon in einem halben Jahre die Schule verlassen zu dürfen, um bei einem berühmten Geiger in die Lehre zu treten. Als Givo in Hamburg ankam, war Zora des Morgens heimlich abgereist. Sie hatte der Tante einen Brief hinterlassen, in dem es hieß, es dränge sie nicht eine Stunde mehr zu zögern, da ja nun Manuel sie entbehrlich machen würde. Geheimnisvoller Ruf wäre an sie ergangen ohne Abschied in ihr Kloster zu eilen.
„Wie fromm sie ist,“ sagte Frau Givo, die aufrecht saß, aber noch immer nicht das Bett verließ. „Ich bedaure es aber, daß du sie nicht gesehen hast. Sie ist schön geworden: eine Jungfrau.“ Sie betonte das Wort. Weder sie noch Manuel erwähnten Vögelchens Namen. Die Mutter schwieg und verlangte nichts und er ließ sein letztes Briefwort bestehen, daß er nicht lassen würde von Arabella. Zwei Monate blieben sie beisammen ohne Vorwurf und Zank, aber das Schweigen lag oft schwer zwischen ihnen und hemmte die alte Vertrautheit. Als Givo abgereist war, verfiel Frau Lea wieder in tiefes Brüten. Sie versuchte zu gehen, sie hatte es beinahe verlernt. Sie schien um vieles gealtert, als sie nach viermonatiger Weltflucht wieder auf die stille Straße trat, ihren Wagen bestieg, um ihre Glaubenswerke zu üben.
Eine ganz kleine Türe hatte sich in Vögelchens Herzen geöffnet und ließ Angst ein. Sie war manchmal fest verschlossen, wie von guten Geistern gehütet, dann wieder sprang sie auf. Über ihrer Einfriedung stand: es geht nicht. Da war eine große düstere Frau, die ging aus und ein und sagte: „Er gehört mir, mir allein.“ Fremde Frauen mit wehenden Federn am Hute nickten ihr aus Karossen, in denen sie mit dem Herzensfreund saßen und riefen: „Sieh, Kleine, wer mein Ritter ist!“
Givo blieb lang aus. Als er wiederkam, schloß sich die kleine Tür und die guten Geister hielten vor ihr Wache.
Arabella schrieb an Adalbert: „Lieber Va, ich wohne von nun ab bei Imanuel Givo. Er hat ein kleines Haus in St. Cloud gemietet. Willst Du mir erlauben die Möbel meiner Zimmer, die wohl noch im Magazin eingestellt sind, dahin schaffen zu lassen? Du wirst Dich nicht wundern, daß ich nicht Givos Namen haben werde. Er sagte mir, daß dies vielleicht erst in einer späteren Zeit möglich sein könnte. Ich glaube zu ahnen weshalb und Du wirst es wohl ebenso deuten können. Seine Mutter will mich nicht als seine Frau. Wir wollen jetzt ganz still für uns leben. Später besuchen wir Dich einmal. Frau Angele möchte doch auch an mich schreiben, falls sie Rat braucht, wenn das Kind geboren ist. Ich habe Alphi Tallandre gepflegt und weiß Bescheid um die Kleinen. Der Abschied wird mir schwer von ihm. Er ist so niedlich und fängt schon an zu plaudern. Aber Manuel erlaubt, daß Helene und der Kleine uns im Frühling besuchen. Ich habe Cecile Gloriot viel zu danken und ich hoffe, sie weiß, wie ich sie liebe. Aber wie kann ich gut sein und bei ihr bleiben, um ihr zu helfen, wenn ich mit Givo leben will, und das muß ich von ganzem Herzen. Hab auch Du Dank für Gutes und Böses.
Es küßt Dich Dein Vögelchen.“
Auf einem kleinen Dampfer fährt Givo die Seine entlang. Er blickt in das schäumende Kielwasser, er beobachtet die Fahrgäste, aber nichts kann seine Ungeduld bezwingen. Und so ergeht es täglich, seitdem er mit Arabella draußen in St. Cloud wohnt. Eilig geht er dann ans Land und ist bald an der Pforte, über der Weinlaub hängt. Frieden umfängt ihn, sobald er eintritt. Er ist meist müde von der Arbeit, die er nun emsig ihrem Ende zudrängt, weil jetzt Neues so reichlich aus ihm quellen will. Es ist, als wäre der Antrieb seiner Kräfte jene warme Erdenglut, die täglich aus einem geliebten Frauenleib in ihn einströmt. Er sieht so viel jetzt, was geschehen muß, was gesagt und gewirkt sein will, und er sieht es neu, er, der immer ein Schauender war. Noch beben in ihm die Räder der Arbeit, wenn er Arabella begrüßt, die mit kindlicher Scheu ihm entgegentritt, als teilte sie mit ihm nicht Tisch und Bett. Aber sie ist für ihn wie ein Engel der Verkündigung, der aus seiner lichten Welt der Inbrunst fromm eintritt in seinen heißen Arbeitstag und ihm ein neues Heil weist. Geschmückt ist der Tisch, festlich winken die Bücher und das Bett ist der fromme Altar ihrer Vereinigung. Über ihrem Lager sind blaue Nebel göttlicher Unendlichkeit, umschwebt ist es von berauschenden Tönen, über deren Wellen kein Schiff gelangt aus Tagland. Seine Kissen haben Engel geschlichtet aus Lämmerwolken, seine Decken sind aus Sonnenfäden gewirkt und sie wärmen die Liebenden, die nur ein Leib sind auf ihrem heiligen Lager. Manchmal ist ein leises Lachen in der Luft wie von unsichtbaren Amoretten, die Stimmchen der Kinder, die sie ihm schenken möchte, und dann, ach, ein Seufzen des Kampfes, den er mit seinen Sinnen ringt, um ihren zarten Leib nicht mit der ersehnten Bürde zu beschweren. Denn weit ab und nur wie das Auffunkeln eines wachen bösen Blickes leuchtet ein Auge und nimmt ihm den Traum Vater zu werden aus dem Herzen. Doch Glückes genug! Er hält nicht ein Weib mehr, die Liebe selbst, wie sie durch Ewigkeiten schwingt, pocht mit lebendigem Herzen an dem seinen und er fühlt, er hat ihr Wahrsein gebraucht, ihr frauliches Dasein, daß auch seine Arbeit ausströme als eine große Wirklichkeit der Liebe.
Als ein Vergangenes liegt das Lebendigste seines Lebens, sein Kampf mit dem Dunkel, unter dieser Liebe eingesargt. Schatten sind die Genossen im Laster geworden, die er zuweilen suchte, weil auch er eindringen wollte in die Tiefe, Schemen die Dirnen, Nebelgebilde die lichtscheuen Stätten. Sein Fuß strauchelt nicht mehr über diese Erinnerungen. Licht ist um ihn und seine Lust hat sich verklärt.
Arabella hat einen Garten und Glashäuser, ihre Pflanzen zu schützen. Was will sie nur mit ihren Blumen? Sie fährt sie zur Stadt, aufgetürmt auf starkem Wagen. Der hält vor den Häusern der Siechen. Sie trägt sie hinauf über die weißen Stiegen der Spitäler und mischt ihren Duft in den des Äther und der Essenzen der Reinigung. Sie tritt in die Krankenzimmer und stellt sie auf die Tische. Da richten sich die Blicke steil auf in den Betten. Es wird lichter im Raum. Ging da eine Elfe vorbei und ließ Linderung zurück? Sie kommt auf ihren Gängen auch in das Zimmer, darin Konrad gelegen, bevor er hinausschlich, die Erdenhülle abzuschütteln. Ahnunglos streift ihr Kleid das Bett an, in dem er gestrandet. Da liegen Menschen umher nach Gottes Ebenbild geformt und sind ein elendes Stück Fleisch, schlotternd in Weh und ihr Blick sucht ein Endchen Himmelsbläue, ausgespart zwischen Mauern. Sieh, da blüht ein Busch Vervenen auf dem Tisch und speist ihr Auge. In einem Saale sind Kinder gebettet, fiebrig glimmen die Augen durch den Schlitz der Lider, die zuckende Hand hält den farblosen Wurstel, der vom reichen Kind abfiel fürs Spital. Hier kann Arabella nicht enteilen. Die Schwester müht sich einem schwarzlockigen Püppchen mit dünnem Hälslein den Verband zu wechseln am bresthaften Bein, während seine Augen in hilfloser Klage sein Weh künden. Bittend tritt Vögelchen näher und die Schwester läßt ihr willig den Dienst. Die Kleine blickt in zärtlichem Bangen auf zu dem Engel, der zu ihm niederrauscht, Chrysam auf seine Wunde zu legen. Wie Flügel bauscht sich die Seide ihres Kleides und die mageren Händchen greifen nach den Perlen an des Engels Hals. Löffel auf Löffel füttert die Lichte ihm zu. Der Verband ist angelegt. Nun kommt die Mahlzeit und es weiß nicht mehr, daß ihm die Suppe vergällt ist durch Schmerz in den armen kleinen Eingeweiden. Leise bettet Vögelchen es zurück in die Kissen, wischt den Schweiß ihm mit ihrem feinen Tüchlein von der Stirn und hält sein Händchen, bis es entschlummert ist. Nun tritt sie zu den anderen, reicht ihnen Backwerk und Spielzeug. Abends beten sie für Arabella.