»Auf den Kopf!« erwiederte Rath Frühbach mit der Miene eines Mannes, der zum Aeußersten entschlossen ist. Aber es blieb dem Major keine Zeit zu weiteren Bemerkungen oder irgend einer Widerrede oder Abmahnung, denn in demselben Augenblick wurde die Thürklinke wieder aufgedrückt, und während sie schon das Klirren der Gläser hörten, erschien Frau Müller wieder mit einem irdenen Krug in der Hand und einem kleinen Präsentirteller, auf dem drei Gläser standen.
»So, meine Herren,« sagte sie freundlich, indem sie die Sachen auf den Tisch stellte und dann zu einem kleinen Eckschrank trat, aus dem sie Brot und frische Butter nahm. »Langen Sie zu; es ist Alles, was das Haus bietet, aber ein Gericht Gerngesehen, und daran darf man eben keine großen Ansprüche machen. Und nun kosten Sie einmal den Aepfelwein, Herr Rath, und sagen Sie mir, ob Sie schon irgendwo in Ihrem Leben besseren getrunken haben.«
Während Frau Müller sprach, schenkte sie die Gläser voll; Frühbach, der sie indessen über die Brille betrachtet hatte, schmunzelte unwillkürlich, als ihm der wohlbekannte und geliebte Duft in die Nase stieg. Er konnte es sich auch nicht versagen, das Glas an die Lippen zu heben und zu kosten; aber »famos!« sagte er, »unübertroffen!« und leerte es schon im nächsten Augenblick auf Einen Zug.
Der Major nahm das Glas nur ungern; es war ihm ein eben nicht angenehmes Gefühl, von der Frau, hinter deren Rücken sie eben noch ihren Plan geschmiedet, gastlich behandelt zu werden. Sie durften auch jetzt nicht weiter in sie dringen, und da er die Einladung, doch auch ein Glas zu kosten, nicht gut ablehnen konnte, hob er es an die Lippen und nippte daran. Der Aepfelwein war allerdings süßer als der bei Frühbach getrunkene, immer doch aber nur ein sehr zweifelhaftes Gebräu, dem indeß der Rath mit voller Hingebung zusprach, ja sich sogar, trotzdem daß sie eben vom Mittagessen kamen, noch ein tüchtiges Stück Brot abschnitt und es mit Butter bestrich, um es dazu zu verzehren.
Beim Kauen überlegte er sich seinen Feldzugsplan, dessen Ziel in nichts Geringerem bestand, als die Festung, die nicht durch List bezwungen werden konnte, zu überrumpeln und mit Sturm zu nehmen.
»Werthe Frau Müller,« sagte er deshalb, wie er nur den letzten Bissen verschluckt und ein Glas Aepfelwein hintennach geschickt hatte, indem er sich den Mund mit dem sehr oft gebrauchten Taschentuch wischte, dieses dann immer kleiner zusammendrückte und zuletzt zurück in die Tasche schob (dabei nahm er wieder die Dose heraus), »allen Respect vor Ihrem Aepfelwein, er ist wirklich vortrefflich, und ich habe in meinem Leben keinen besseren getrunken. Unser voriges Gespräch schien Ihnen vorhin nicht angenehm zu sein, was ich bedauere, aber ich muß doch noch einmal darauf zurückkommen. Sie wissen nämlich nicht, daß, wenn die Erbschaft – durch irgend eine gebrauchte List – in falsche Hände geräth... – Vielleicht noch eine Prise gefällig?«
»Ich danke,« sagte die Frau, ärgerlich mit dem Kopf schüttelnd. »Was geht mich die Erbschaft an? Ich kriege doch nichts davon! Ueberhaupt will ich von der ganzen Wendelsheim'schen Geschichte gar nichts wissen!«
»Bitte, lassen Sie mich ausreden,« sagte der Rath, »denn als Frau können Sie keine Kenntniß von den in dieser Hinsicht furchtbar strengen Gesetzen haben – daß also dann die, welche mit dazu beigetragen haben, einen Betrug zu unterstützen, den schwersten, jedenfalls Leibes- und vielleicht gar Lebensstrafen ausgesetzt sind.«
»Lieber Rath,« sagte der Major, dem nicht ganz wohl bei der Einleitung wurde, »das Gesetz wird ja...«
»Bitte, lieber Major,« entgegnete Frühbach, »erlauben Sie mir, daß ich der Dame, die uns so freundlich aufgenommen hat, den Standpunkt vollkommen klar mache; wir werden dann mit der größten Leichtigkeit zu einem Verständniß kommen.«