»Frau Müller!« rief Rath Frühbach entsetzt.

»Und deshalb ist das Lumpengesindel in mein Haus gekommen?« schrie die Frau, die jetzt erst ihre Zunge wiederzufinden schien. »Nach meinem Schwiegersohn erkundigen sie sich, weil sie wissen, daß er nicht da ist, und heimlich hinten herum kommen sie und fragen und bohren und thun schön und unschuldig, um eine arme Frau in's Unglück zu stürzen!«

»Aber, beste Frau Müller!« fiel auch jetzt der Major ein, der aus all' seinen Himmeln herausstürzte und nur allein den aufkochenden Zorn der Gereizten zu besänftigen wünschte.

»Pfui Teufel!« rief aber die Frau Müller, die jetzt das Wort hatte und es sich nicht so leicht wieder nehmen ließ. »Indianer und Türken und Heiden, wenn sie mit einem andern Menschen gegessen und getrunken haben, üben weder Hinterlist noch offene Feindschaft gegen ihn aus, sondern behandeln sich als Brüder – aber das nennt sich Christen, und ist ärger als Türken und Heiden!«

»Aber, Frau Müller, ich versichere Ihnen...« sagte der Major.

»Sie brauchen mir nichts zu versichern!« schrie die Frau, immer mehr in Zorn gerathend. »Was haben Sie überhaupt hier zu thun? Glauben Sie, daß ich mich in meinen eigenen vier Wänden ungestraft beleidigen lasse? Und die Frau Heßberger – was geht das mich an, was die gestanden hat, oder möchten Sie mir vielleicht damit drohen? Aber das wollen wir doch einmal sehen, ob noch Recht und Gesetz im Lande ist und hülflose, alleinstehende Frauen in ihrem eigenen Hause überfallen werden dürfen, das wollen wir doch einmal sehen! Den Augenblick gehe ich auf's Gericht, und dann will ich wissen, ob das da das Bild meiner Tochter, meines eigenen Kindes ist oder nicht, und ob jeder hergelaufene Lump, der sich Rath nennt, herkommen und mich beschimpfen darf!«

»Aber, Frau Müller,« sagte Rath Frühbach, allerdings etwas bestürzt über die Wendung, die sein fein angelegter Plan, bei dem er sich schon einen Moment am glücklich erreichten Ziel geglaubt, plötzlich genommen, »Sie werden uns doch erlauben...«

»Gar nichts erlaube ich Ihnen,« rief die Frau, »gar nichts auf der Welt! Je eher Sie sich aus meinem Hause scheren, desto besser, und wenn Sie nicht gleich gutwillig gehen, dann rufe ich die Nachbarn zu Hülfe, daß die Ihnen Beine machen!«

Der Major hatte sich schon, auf's äußerste verlegen, während des letzten Gespräches der Thür zu gedrückt und eigentlich nur auf einen günstigen Moment gewartet, um hinauszufahren, denn die ganze Sache war ihm fürchterlich fatal; er mochte nur auch nicht geradezu fortlaufen. Jetzt aber fand er keine Veranlassung mehr, länger zu zögern; die Thür war ihnen deutlich genug und ohne ein Mißverständniß möglich zu machen, gewiesen worden.

»Kommen Sie, Rath, das geht nicht länger,« sagte er, jetzt selber ärgerlich werdend, denn der Mann war nicht von der Stelle zu bringen. Er stand, aber jetzt ebenfalls mit einem dicken rothen Kopf, immer noch die Prise zwischen den Fingern, vor der Wüthenden und schien nur auf einen Moment zu passen, wo er wieder einfallen konnte. – »Nun gut denn, wenn Sie allein dableiben wollen, meinetwegen – ich gehe aber – guten Morgen, Madame!«