»Einen schönen guten Morgen, das weiß Gott!« rief die Frau. »An den Morgen werde ich denken, aber ich will Sie begutenmorgen mit Ihrer Höflichkeit, oder mein Name ist nicht Barbara Müller! Vor Gericht sehen wir uns wieder, und dort soll sich dann einmal herausstellen, ob ich mich brauche in meinen vier Wänden überfallen und beschimpfen zu lassen, und dort sollen Sie beweisen, was Sie gesagt haben, Sie – Rath Sie, oder wir wollen einmal aufpassen, was geschieht!«
Frühbach hatte einen Blick nach dem Major zurückgeworfen, bemerkte aber kaum, daß dieser wirklich Ernst machte und schon halb aus der Thür war, als er es auch für gerathen fand, seinem Beispiele zu folgen. Etwas mußte er aber noch sagen, denn lautlos konnte er nicht abziehen.
»Schön, verehrte Dame,« nickte er, indem er sich die Brille festschob, wobei er die vergessene Prise fallen ließ und zugleich nach Stock und Hut griff, »wenn Sie es denn nicht anders wollen, mir kann's recht sein – empfehle mich Ihnen!« setzte er aber rasch hinzu, denn der Zorn der gereizten Frau war auf's höchste gestiegen, und sie fing an gegen ihn vorzurücken; er wollte es nicht zum Aeußersten kommen lassen.
»Ihnen kann's recht sein, so? Sie alter Schafskopf Sie!« schrie die Frau.
Frühbach wartete jedoch keine weiteren naturhistorischen Eigennamen ab, er war viel schneller, als er sich sonst gewöhnlich bewegte, aus der Thür hinaus, und gerade noch zur rechten Zeit, denn dieselbe wurde im nächsten Augenblick hinter ihm zugeschleudert, daß die Fenster im ganzen Hause zitterten. Die Stimme der gereizten Frau übertäubte dabei noch den Lärm. Der Major hielt sich auch gar nicht weiter auf, um seinen Freund und Leidensgefährten zu erwarten, sondern humpelte, so rasch es ihm sein obstinates Bein erlaubte, die Straße hinab, so daß der Rath tüchtig ausschreiten mußte, um ihn wieder einzuholen. Aber er that das mit Vergnügen, denn er verlängerte mit jedem Schritt die Entfernung zwischen sich und der schrecklichen Frauensperson, und hatte auch gar nichts dagegen, daß der Major rechts ab in eine Seitenstraße bog und nicht eher einhielt, bis er die dort daranstoßenden Kartoffelfelder erreichte. Da blieb er stehen und sagte, sich zum ersten Mal nach dem Rath umsehend:
»So, mein Herr Rath, da haben Sie uns mit Ihrem« – Maul hätte er am liebsten gesagt, aber das litt seine Höflichkeit nicht, darum ersetzte er es mit – »Hitzkopf in eine schöne Sackgasse hineingefahren.«
»Ich habe Sie hineingefahren, mein bester Major?« sagte der Mann, indem er stehen blieb und sich den Schweiß über der Brille wegtrocknete. »Das nehmen Sie mir nicht übel; was habe ich denn überhaupt von der ganzen Geschichte, ehe Sie mich hieherbrachten, gewußt? Gar nichts – und wenn ich nur eine Ahnung gehabt hätte, daß sie auf so schwachen Füßen steht, ich würde den Teufel gethan haben, meine Nase hinein zu stecken!«
»Aber wer um Gottes willen hieß Sie auch so mit der Thür in's Haus fallen und die ganze Sache der Frau auf den Kopf zusagen? Ich bat Sie doch, es nicht zu thun, und da konnten wir uns noch mit guter Manier aus der Schlinge ziehen und einen ehrenvollen Rückzug sichern – jetzt sind wir mit Schimpf und Schande abgezogen und haben uns auf das lächerlichste blamirt.«
»Das weiß Gott,« stöhnte Frühbach, »an die Situation werde ich mein Leben lang denken! Wissen Sie aber, daß es mir früher schon beinah' einmal ähnlich gegangen ist. In Schwerin damals....«
»Und damit ist die Geschichte noch nicht aus,« unterbrach ihn der Major, dem die letzte Drohung der Frau nicht aus dem Kopf ging. »Passen Sie auf, das rabiate Weib geht am Ende noch vor Gericht, und wir können ihr nicht allein öffentlich Abbitte thun, sondern der ganze fatale Handel kommt auch in's Publikum und, das Allerschlimmste, dem alten Wendelsheim zu Ohren, der überhaupt keine Gelegenheit vorbeiläßt, um mir etwas anzuhängen. Heiliges Donnerwetter, wenn ich nicht mit meinem elenden Körper so an die Scholle gebannt wäre, ich setzte mich heute Abend noch auf die Bahn und führe nach Neapel oder Griechenland!«