»Und ließe es sich denn gar nicht machen, die paar Wochen vor der Zeit ein paar Tausend Thaler abschläglich von der Erbschaft zu bekommen?«
»Daran ist kein Gedanke; sie thun es nicht.«
»Hast Du es schon versucht, Vater?« fragte Bruno nicht ohne Spott.
»Sie können es auch nicht,« fuhr der alte Freiherr fort, ohne die Frage zu beantworten; »denn das Testament lautet auf Auszahlung erst nach dem zurückgelegten vierundzwanzigsten Lebensjahre meines Sohnes. Stürbest Du noch vorher, so müßte der Zeitpunkt erst in Benno's Alter abgewartet werden, und stürbe auch er, was Gott verhüten wolle, so wäre die ganze Erbschaft für uns verloren.«
Ein schmerzliches und doch bitteres Lächeln zuckte über das Antlitz des jungen Officiers, als er erwiederte: »Du sagtest nur bei Benno, Vater, was Gott verhüten wolle.«
»Sei nicht kindisch!« murmelte der Baron. »Wenn ich das Geld hätte, solltest Du es haben; aber das ist nicht der Fall, also kann ich Dir nicht helfen. Sieh', wie Du mit Deinem Gläubiger ein Abkommen triffst. Du mußt doch auch Uebung und Erfahrung darin haben; vielleicht hilft Dir auch die Tante – versuch' es.«
»Sie könnte, wenn sie wollte, das weiß ich,« sagte Bruno finster, »und wenn es Benno gebrauchte, würde sie sich keinen Augenblick besinnen; ich selber bin ja aber bei Euch Beiden immer der Ausgestoßene gewesen, der lästig wurde, sobald er sich nur blicken ließ.«
»Das hast Du Dir nur gedacht, kein Mensch weiter; geh' zur Tante, wenn sie Dir helfen kann, thut sie es.«
»Ich will zu ihr gehen, weil ich muß,« sagte Bruno aufstehend, »aber ich weiß vorher, daß es nutzlos ist; ich kenne meine »steinerne« Verwandte.« Und langsam schritt er aus dem Zimmer.
Der alte Freiherr folgte dem Sohne, als dieser ihm den Rücken drehte, mit den Augen, und sein Blick haftete noch fest an der Thür, als diese sich schon geschlossen. Aber es war ein häßlicher Blick, mit nicht einer Spur von väterlicher Liebe darin, ja die zusammengebissenen Lippen bewegten sich sogar, als ob er eine Verwünschung hinter ihm drein murmele; doch wurde kein Laut hörbar; nur seine buschigen Brauen zogen sich zusammen, und fest auf einander hatte er die Zähne gebissen. Er stand auch eine lange Weile so, bis draußen wieder ein Schritt auf dem Gange laut wurde. Kehrte sein Sohn zurück? Nein, es war nur ein Diener, der in der Thür stehen blieb und meldete: es sei eine alte Frau draußen, die Frau vom Schuhmachermeister Heßberger, die sage, der gnädige Herr hätte sie herausbestellt, um ihm die Hühneraugen auszuschneiden.