»Ich habe gewünscht?« rief der alte Herr, dessen Laune der Besuch wahrlich nicht gebessert zu haben schien. »Was wollt Ihr von mir, daß Ihr Euch mit einer Lüge hier hereindrängt? Was habe ich noch mit Euch zu schaffen?«
Die alte Frau Heßberger war eine hagere, etwas lange Gestalt. Sie hatte schon eisgraue Haare, eine spitze Nase und etwas zusammengezogene Lippen, auch zahllose Falten im Gesicht, aber ein Paar große, kluge, lichtblaue Augen, und ging auch sonst ganz nett und sauber angezogen. So demüthig sie dabei auftrat, lag aber doch in ihrem ganzen Wesen nichts weniger als Schüchternheit, ja fast wie mit einem leisen Anflug von Spott erwiederte sie auf die rauhe Frage:
»Ach, gnädigster Herr Baron, Unsereins muß gar oft lügen; aber nicht unserer selbst, sondern zuweilen nur der Herrschaften wegen, die wir bedienen – und was für Dank haben wir nachher davon!«
»Was wollt Ihr? macht es kurz!« fuhr der Freiherr sie an; »ich habe keine Zeit, mich lange mit Euch einzulassen.«
Die Frau antwortete nicht gleich; sie horchte erst nach der Thür, als ob sie sich vor einer Störung oder vielleicht vor einem Horcher fürchte. Endlich trat sie dem Freiherrn, der sie eben nicht freundlich betrachtete, näher und sagte mit leiser, aber vollkommen deutlicher Stimme:
»Eigentlich hatte ich geglaubt, daß der Herr Baron eine arme alte Frau, die seinetwegen viel Ungelegenheiten gehabt, nicht ganz vergessen hätte; aber Du lieber Gott, es ist einmal so der Welt Lauf, und ich will Ihrem Gedächtnisse zu Hülfe kommen. Ich bin die Frau Heßberger, die alte Kartenschlägerin aus der Stadt, und war früher, als die gnädigste Frau Baronin von einem so allerliebsten Knäblein entbunden wurden, die Hebamme bei der gnädigen Frau.«
»Was soll der Unsinn?« sagte der Freiherr finster. »Eure Person habe ich doch wohl nicht vergessen; ich denke, Ihr sorgtet schon dafür, daß das nicht geschah. Was wollt Ihr jetzt?«
»So, der Herr Baron erinnern sich also noch?« lächelte die Frau. »Nun, dann kann ich kurz zur Sache kommen, und wir brauchen keine Umschweife weiter zu machen. Sie wissen, Herr Baron – aber Sie erlauben vielleicht, daß ich mich ein bischen auf den Stuhl da setzen darf, der Weg ist weit hier heraus, und die alten Knochen wollen doch nicht mehr so recht mit fort – Sie wissen also, Herr Baron, daß jetzt die Zeit bald umgelaufen ist, wo Sie die große Erbschaft antreten – lieber Gott, Unsereins kann sich so viel Geld fast nicht einmal denken –, und wenn Sie das erst einmal haben, dann wird wohl das Gedächtniß für die arme Heßbergern ganz weg und verloren sein, und da wollte ich mir nur noch einmal vorher erlauben, ganz gehorsamst nachzufragen, ob Sie uns nicht mit einer Kleinigkeit auf die Füße helfen können. Der Verdienst ist jetzt bei den harten Zeiten so schlecht, und, Du lieber Himmel, man thut ja wohl, was man kann, und ist immer bei der Hand, aber der Neid der Menschen macht Alles wieder zu nichte. Die Herren Aerzte, wenn sie auch viele Krankheiten gar nicht curiren können, gönnen es doch einer armen Frau nicht, daß sie mit Kräutern, die sie sich mühsam im Walde sucht, und mit frommem Gebet die Bresten der Menschen lindert. Nichts als Verfolgung und Anfeindung habe ich zu leiden gehabt die langen Jahre, und seit der Zeit sogar, wo einmal das Kind der Frau Baronin Zühfel starb – du lieber Himmel, es war ein Wechselbalg und konnte nicht leben –, da haben sie mir gar das Metier verboten, und ich muß nun sehen, wie ich mich so ärmlich durchschlage durch die Welt.«
»Und was habe ich damit zu thun?« sagte der alte Freiherr finster.
»Nichts, Herr Baron, gar nichts,« erwiederte die Frau seufzend; »es ist nur unser alltägliches Elend, das wir durch's Leben schleppen müssen. Gott behüte, daß Sie damit zu thun bekämen! Wessen aber das Herz voll ist, Sie wissen ja wohl, davon geht der Mund über. Es thut mir auch leid, Ihre werthvolle Zeit damit so lange in Anspruch genommen zu haben, aber – es ging eben nicht anders. Dazu sind wir Menschen ja auch da auf der Welt, daß wir einander helfen und beistehen sollen, und ich habe das Meinige redlich gethan, Herr Baron, das Zeugniß müssen Sie mir geben – wie?«