»Ich habe Euch noch nicht das Gegentheil zum Vorwurf gemacht,« sagte der Freiherr finster; »aber....«
»Das ist hübsch von Ihnen,« nickte die Frau, und wieder zuckte das spöttische Lächeln um ihre dünnen Lippen, »und ich werde es Ihnen gedenken, so lange ich lebe; aber – schöne Worte verfliegen im Winde, wie die Spreu, denn nur das Korn fällt auf den Boden und wiegt. Bis jetzt kann Ihnen kein Mensch die Erbschaft streitig machen, Herr Baron – kein Mensch auf der ganzen Welt, und wird es auch nicht, denn eher bisse ich mir die Zunge ab, ehe Ein Wort von der Geschichte über meine Lippen käme; aber leben wollen wir Alle, und selbst der arme Bauer läßt die Kinder, wenn er sein Korn einfährt und den Segen in die Scheune führt, ein paar einzelne Aehren lesen. Sie werden wahrhaftig nicht weniger thun, Herr Baron.«
»Aber die Aehrenleser dürfen erst auf das Feld kommen, wenn das Korn eingefahren ist,« sagte der Freiherr, der schon lange verstand, auf was die Frau abzielte; »das meinige steht noch draußen.«
»Aber fertig geschnitten, beim schönsten Wetter, und die Wagen zum Einfahren bereit,« nickte die Frau, nicht so leicht abgewiesen; »ich kann auch nicht länger warten. Uebermorgen ist der Erste, und wir müssen Hauszins bezahlen; die Rechnungen sind uns außerdem über den Kopf gewachsen, denn mein Mann war lange krank und konnte das Salz nicht zu seinem Brot verdienen.«
»Macht es kurz – was wollt Ihr?« unterbrach der Baron sie ärgerlich. »Ich sehe, das Ganze läuft nur auf eine Gelderpressung hinaus. Ich sage Euch auch, Frau, heute will ich Euch noch einmal zu Willen sein; aber meine Geduld ist jetzt zu Ende – das kann so nicht fortgehen, und kommt Ihr mir dann noch einmal auf den Hof, so....«
»So? Der Herr Baron haben noch nicht ausgesprochen.« Und ihre blauen Augen hafteten in lauerndem Trotze auf ihm. Er begegnete aber dem Blicke nicht.
»Macht es kurz – wie viel braucht Ihr? Aber ich schwöre es Euch zu, es ist das letzte Mal! Nachher thut Euer Schlimmstes. Was Ihr selber dabei riskirt, wißt Ihr besser, als ich es Euch sagen könnte.«
»Es ist nicht nöthig, viel darüber zu reden,« lächelte die Alte. »Wir sind Beide nicht von gestern, Herr Baron, und wissen genau, wie weit wir gehen können; nur das ausgenommen, daß der eine Theil nichts oder doch beinahe nichts dabei zu verlieren hat und der andere eben Alles.«
»Das ist nicht wahr,« fuhr der Baron auf; »Gott ist mein Zeuge, wie ich bereue, jemals Euren Worten, Eurem Rathe gefolgt zu sein, und zehn-, ja tausendfach trage ich jetzt an der Last, die ich mir damals ganz unnützer, unnöthiger Weise aufgeladen!«
»Unnöthiger Weise, Herr Baron? Sie vergessen die Clausel.«