Der Knabe nickte ihm freundlich zu, und Bruno sprang jetzt selber fort, um den gebrachten Stuhl so herzurichten, daß sie den Kranken gut darauf transportiren konnten. Da hinein setzten sie ihn dann, und während die Dienerschaft herbeigerufen war, um ihn langsam und vorsichtig in's Schloß zu tragen, ging Kathinka an der einen, Bruno an der andern Seite und unterstützten ihn.

Indessen war auch Bruno's Fuchs gesattelt worden, und wie er den Bruder nur erst einmal gut untergebracht wußte, eilte er hinab, sprang, ohne weder von Vater oder Tante Abschied zu nehmen, in den Sattel und ritt, seinem feurigen Thier die Sporen eindrückend, in einem scharfen Trab aus dem Schloßhof hinaus und durch das Dorf.

Am letzten Hause des Dorfes stand eine Frau, die dem Reiter, als er vorüber brauste, freundlich und fast vertraulich zunickte. Bruno kannte sie auch, es war die alte Heßberger, die er sonst wohl oft in seines Vaters Hause gesehen; er bemerkte auch vielleicht, daß sie ihn grüßte, sah wenigstens die Bewegung, hatte aber den Kopf so voll der verschiedensten Dinge, daß er gar nicht daran dachte, ihr auch nur zu danken, sondern gleich darauf, ohne ihr nur den Kopf noch einmal zuzuwenden, die breite Fahrstraße verließ und rechts ab in einen Fußweg einbog, der nicht allein die Strecke bis zur Stadt etwas verkürzte, sondern auch zwischen den Getreidefeldern einen weichen und elastischen Rasenboden für sein Thier gewährte.

Die Heßberger sah ihm mit demselben lachenden Gesicht, mit dem sie ihn vorhin gegrüßt, nach, selbst wie er schon weit von ihr entfernt durch die Kornfelder dahintrabte, bis er endlich eine kleine Erhöhung überritt und dann dahinter verschwand; und nun erst nickte sie still vor sich hin mit dem Kopf und murmelte dabei:

»Merkwürdig, merkwürdig – und man lernt doch nie im Leben aus. Sonst denkt man doch immer, es stäke im Blute und wär' angeboren – aber es läßt sich auch anerziehen, wenn es nur recht begonnen und durchgeführt wird. Ja, ja, Puppe, reite Du nur da so stolz auf Deinem hübschen Gaul, als ob Du ein König oder Kaiser wärest, und gucke die alte Frau nicht an, die den Staub von Deines Rosses Hufen schluckt. Und wenn die alte Frau wollte – doch sie will eben nicht und läßt Dich so lustig hinreiten, als ob Du wirklich alles das wärest, was Du Dir denkst. Nun, vielleicht kommt doch einmal die Zeit, wo sie Dir in den Weg tritt – und wie höflich Du dann werden wirst, mein Bürschchen, wie erstaunlich höflich!«

Bruno von Wendelsheim trabte indessen, ohne auf die Alte auch nur einen Gedanken zu wenden, scharf den Rasenpfad entlang, und das Herz war ihm so voll und schwer, der Kopf that ihm so weh vom vielen Grübeln.

Benno, sein armer Bruder, er war viel kränker, als er es je für möglich gehalten – und wer blieb ihm von all' seinen Verwandten, wenn der Knabe starb? Sein Vater? Er hatte wohl rauhe und heftige Reden oder Ermahnungen, nie aber ein Wort der Liebe von seinen Lippen gehört. Seine Tante? Er biß die Zähne fest auf einander, wenn er nur an das letzte Begegnen mit ihr dachte, wo sie ihn ordentlich mit Hohn abgewiesen. Hatte sie Liebe zu ihm? Wahrlich nicht! Und vor sich hin schüttelte er still den Kopf, wenn er daran dachte, wie groß der Haß gegen ihn sein müsse, daß sie sich nicht einmal aus Klugheit freundlicher gegen ihn benahm.

Seinem Fuchs hatte er dabei die Zügel gelassen; er mußte bald in der Stadt sein, einestheils seiner eigenen Angelegenheit wegen, anderntheils aber auch, um den Arzt so rasch als nur irgend möglich nach Wendelsheim hinauszusenden. Wie er so auf dem schmalen Weg dahin trabte – und der Fuchs war eigentlich halb mit ihm durchgegangen, denn der Reiter bekümmerte sich gar nicht mehr um seine Führung –, machte der Weg, gerade an einer niedern Stelle, wo das Korn außerordentlich hoch stand, eine scharfe Biegung, und als Bruno dahinflog, sah er plötzlich einen Fußgänger vor sich, der auf dem weichen Rasen das nahende Pferd gar nicht gehört hatte und jetzt kaum noch Zeit genug behielt, um zur Seite zu springen. So dicht an ihm vorbei aber schoß der Fuchs, daß Bruno den Fremden, in dem er jetzt den jungen Baumann erkannte, noch mit dem Knie streifte. Er versuchte auch sein Pferd einzuzügeln, um sich zu entschuldigen; aber es war nicht möglich. Der Fuchs hatte das Gebiß zwischen die Zähne genommen und setzte in eine ordentliche Carrière ein, daß Kies und Rasenstücke hinter ihm emporstiebten. Bruno mußte ihn eben laufen lassen, und wenige Minuten später erreichte er schon die Thore der Stadt, wo er das wilde Roß erst wieder in seine Gewalt bekam.

4.
Die elende Familie.

In der Lindenstraße, aber ziemlich weit draußen, so daß der Garten mit seiner Rückseite schon an die dort beginnenden Felder stieß, lag das Grundstück des alten Majors a. D. von Halsen, der da mit einer alten Verwandten, die ihm das Hauswesen führte, einem Gärtner, einer Köchin und einem alten Stubenmädchen wirthschaftete.