Das Haus selber war groß und massiv gebaut und in den oberen Räumen wirklich herrschaftlich eingerichtet, der Garten parkähnlich, mit einem großen Treibhause und dem kostbarsten Obst darin, und der Besitzer galt für reich, aber für einen Sonderling, der sich hier von der Welt vollkommen abzuschließen schien. Er hatte es allerdings sehr gern, wenn ihn Jemand besuchte und eine Stunde mit ihm verplauderte, denn die Langeweile quälte ihn oft fürchterlich; er selber aber machte nie einen Besuch, außer in letzter Zeit häufig bei dem Staatsanwalt Witte, mit dem er besonders viel und heimlich zu verkehren hatte.

Uebrigens fanden sich nur Wenige, die dann und wann das »Lazareth,« welchen Namen das Haus schon in der ganzen Stadt erhalten, betraten, denn es bot sehr wenig Anziehendes, und der Major selber, ohne die geringste gesellschaftliche Tugend, war ein so unliebenswürdiger Gesell, daß man ihm immer lieber aus dem Wege ging, als ihn in seiner Höhle aufsuchte. Es sah auch noch dazu selbst ungemüthlich bei ihm aus.

Schon der Garten war wie ein Nonnenkloster mit einer zehn Fuß hohen und sehr dicken Mauer, in die nicht einmal eine Gitterthür einen Einblick gestattete, umschlossen. Ebenso wurden alle nach der Straße führenden Fenster, wenn nicht das Logis einmal gereinigt werden mußte, fest verhangen gehalten, und das Wohnzimmer des Majors selber, wo er auch seine sämmtlichen Besuche empfing, glich eher der Wohnung eines Tagelöhners oder ärmeren Bürgers, als der eines reichen Mannes aus den höheren Ständen.

Die obere Etage war, wie schon erwähnt, sehr elegant eingerichtet, aber nur wenige Menschen hatten sie einmal zufällig zu sehen bekommen und sie wohl kaum je betreten. Das untere Zimmer dagegen, das, mit der Küche dicht daneben, nach dem Garten zu hinausführte, zeigte nicht die geringste Bequemlichkeit, einen alten, mit abgeschabtem Leder überzogenen Lehnstuhl ausgenommen, noch viel weniger Eleganz. Die Wände waren nicht einmal tapeziert, sondern nur gemalt, die Dielen weiß, mit Sand bestreut. Ein großer Tisch aus Tannenholz stand in der Mitte, und zwei hölzerne, zwei Rohrstühle und ein vereinzelter aus Kirschbaumholz zierten die Ecken. Auch das Buffet war nichts weiter als ein lackirter Holzschrank, und das Sopha unter dem kleinen, schwarz umrahmten Spiegel so furchtbar hart und zusammengesessen, daß man sich erst dann ausruhte, wenn man wieder davon aufstand.

Als Verzierung befanden sich allerdings drei Lithographien in schwarzen Rahmen im Zimmer, aber sie paßten zu den Bewohnern. Die eine stellte ein Schlachtfeld mit schrecklich Verstümmelten und Todten vor, die andere das Martern und Verbrennen verschiedener Ketzer im Mittelalter, und die dritte jenes bekannte Pferd, an welchem alle nur erdenklichen Pferdekrankheiten mit Nummern angedeutet und darunter auch die Namen genannt werden.

Nicht einmal Gardinen zeigten die Fenster, ein paar zerwaschene Lappen ausgenommen, die oben darüber angebracht waren und weit eher so aussahen, als ob sie dort zum Trocknen aufgehangen wären. Ueberhaupt das ganze Zimmer machte den Eindruck der Dürftigkeit, und doch schien sich der alte Major wunderlicher Weise nur gerade hier wohl und zufrieden zu fühlen, wenn er das überhaupt je gethan hätte. Er gehörte aber leider zu jenen Menschen, die eigentlich die größte und jede Ursache gehabt hätten, gegen Gott dankbar zu sein, aber sich dabei allein für schlecht und nichtswürdig behandelt hielten, und nun schon darüber, weil sie keine gegründete Ursache zur Klage auffinden konnten, ärgerlich und verdrießlich durch das Leben stöhnten.

Eine Verwandte von ihm, die verwittwete Frau von Bleßheim, lebte mit in dem nämlichen Hause, und ein besser zusammenpassendes Paar hätte es auf der Welt nicht geben können. Das mußte sie auch allein bewogen haben, dieses »Lazareth« zu ihrem Aufenthaltsort zu wählen, wo sie »angeblich« dem Major die Wirthschaft führte, in Wirklichkeit aber nur mit ihm stöhnte und ächzte.

Sie war allerdings schon ziemlich hoch in den Jahren und von kränklichem Körper, und würde mit dem Vermögen, das sie besaß, recht gut und bequem haben leben können, aber sie mochte nicht allein sein. Sie fühlte das dringende Bedürfniß, nicht allein bedauert zu werden, sondern auch Jemanden zu haben, den sie bedauern konnte, dem es wenigstens nicht besser ging, als ihr selber. Das Lamentiren gehörte mit zu ihrem Leben, ja bildete fast ihre einzige Unterhaltung, und da sie gefunden, daß sie gesunden Leuten damit endlich lästig fiel und unerträglich wurde, so war der alte Major ihre letzte Zufluchtsstätte geworden. Dort konnte sie in ihrer Leidenschaft grünen und blühen, und fand sogar in der Dienerschaft Mitleidende.

Der Major saß auf seinem gewöhnlichen Platz, dem alten Lehn- oder Sorgenstuhl, hielt das Morgenblatt, seine einzige Lectüre, in der Hand und stöhnte. Ihm gegenüber, an einem in die Ecke geklebten dreieckigen Schranke, stand Frau von Bleßheim und nahm einiges Geschirr heraus.

»Ach Du mein großer Gott,« seufzte sie dabei vor sich hin, »o Du mein lieber Himmel!«