»Weiß ich wieder nicht,« sagte der Alte. »Der Herr Baron sind Officier, und die Herren Officiere haben einen starken Begriff von Ehre. Es darf Einer dem Andern aus Versehen auf den Fuß treten und sich nicht entschuldigen – und, Gott der Gerechte, was für ein Unglück! – und sie gehen hinaus und schießen mit geladene Pistolen auf einander. Der Herr Baron kann in den paar Wochen auf dem theuern Pferd ausreiten und fallen und den Hals brechen, und geb' ich das Geld, so bricht der Herr Baron den Hals nicht, aber der alte Salomon bricht ihn.«
»Aber ich werde mich gewiß in der Zeit sehr in Acht nehmen, Salomon. Ich weiß ja doch, was für mich und die Meinen davon abhängt.«
»Ist recht schön von Ihnen,« erwiederte der alte Mann, »aber ich stecke schon tief genug in der Geschichte drin, und mehr noch zu riskiren, wäre nicht klug gehandelt, selbst angenommen, daß ich das Geld hätte, was aber, soll mir Gott helfen, nicht der Fall ist. Wenn Sie ein Haus versichern bei einer Gesellschaft, so nimmt sie die Versicherung nur zu einem bestimmten Werth, nicht mehr. Ich bin schon weiter gegangen. Als ich habe nachgesehen meine Bücher am letzten Ersten, habe ich gefunden große Summen hinter dem Herrn Baron seinen Namen, und alle auf der einen Seite – war doch die andere blank und rein, eine wahre Papierverschwendung. Auf die Seite geht noch viel, auf die andere nichts mehr, oder der Salomon könnt's nicht verantworten vor Weib und Kind und dem Gott seiner Väter, als ich will bleiben gesund – das ist mein letztes Wort.«
»Aber, Salomon,« rief der Officier in Todesangst, »ich habe keinen Menschen weiter auf der Welt, von dem ich heute noch so viel Geld bekommen könnte, und ich muß es haben, oder ich weiß nicht, was ich thue! Ihr treibt mich zur Verzweiflung, und mir bleibt nichts Anderes übrig als....«
»Drohen Sie nicht mit einer Sache, junger Mann,« sagte der alte Jude ernst, »wo der Gedanke, noch nicht einmal ausgesprochen, schon Sünde ist vor dem Thron des Höchsten. Denken Sie an Ihren Vater, an Ihre todte Mutter, denken Sie an die Leute, die Ihnen vertraut haben, wenn auch ohne gegebenes Ehrenwort, doch mit gedachtem, und die Sie auf die Weise nicht bezahlen können. Sie sind noch jung, und ein Fehler ist in Ihrem Alter leicht wieder gut gemacht – aber das müssen Sie selber thun – ich nicht –, und doch verlangen Sie's von mir.«
Der Officier saß vor ihm, die rechte Faust auf seinem Knie geballt, die Augen stier und düster am Boden haftend. Ein Gedanke, wie ein Blitz, schoß ihm durch die Seele. Noch war Hoffnung. Rebekka, des Juden Tochter, hatte ihn lieb, das wußte er, und wenn er oft mit dem wunderbar schönen Mädchen getändelt, traf ihn manchmal ein Blick aus ihren schwarzen Augen, der ihm in die Seele schnitt. Er mied sie auch deshalb, denn er war nicht schlecht, und wollte keine Neigung erwecken, die er, wie er glaubte, doch nie erwiedern durfte. Aber jetzt galt es, ihn aus einer wirklichen Noth zu erretten, und zwar einer Summe wegen, die er ja in wenigen Monden schon mit reichen Zinsen zurückzahlen konnte und wollte. – Sie mußte ihm helfen, den Vater zu erweichen, und sie that es, denn mit dem Alten war, nach dem letzten Schwure, den er gethan, kein Wort weiter zu reden, das wußte er gut genug.
»Ihr seid hart heute, Salomon,« sagte er endlich, »hart und zäh, wie ich Euch nie gefunden....«
»Schade für mich,« sagte der Alte störrisch.
»Ich weiß auch im Augenblick nicht, wie ich mir helfen soll, wenn Ihr mich im Stiche laßt. Ich muß Zeit zum Ueberlegen haben, und es ist das Beste, daß ich gehe....«
»Thut mir leid,« sagte der alte Mann, »den Herrn Baron umsonst den weiten Weg haben machen zu lassen; aber soll mir Gott helfen, ich kann nicht anders. Ich habe mehr für Sie gethan, als für einen andern fremden Menschen auf der Welt; aber eine Grenze muß sein, und wir stehen dran.«