Bruno folgte der Einladung; er goß sich reichlich Rum hinzu und stürzte das Glas hinunter. Dann trat er zum Instrument und griff einzelne Accorde.
Während Rebekka zu ihm ging und die Mutter sich auf einem der nächsten Stühle niederließ, wurde nebenan leise und geräuschlos die Thür geöffnet, und der alte Salomon trat ein; wie er aber die Musik hörte, warf er erst einen Blick durch den Vorhang, der die beiden Zimmer schied, hinein, glitt dann still zu dem nächsten Kanapee und ließ sich darauf nieder. Er regte sich dabei nicht und sah nur still und unverwandt ein Bild an, das ihm gegenüber hing – das seiner verstorbenen Mutter.
Der junge Officier präludirte eine Weile, aber nicht lange; er ging bald in eine etwas schwermüthige Phantasie über, der er sich hingab und darüber seine Zuhörer fast vergaß.
»Aber so ernst?« sagte Rebekka endlich leise.
»Sie haben recht, mein Fräulein – ich muß....« er horchte – die Uhr hob zum Schlagen aus – er zählte: es schlug fünf Uhr – »ich muß Ihnen etwas Heiteres spielen, denn Sie sollen nicht sagen, daß ich mit einem Trauermarsch von Ihnen geschieden bin.« – Und jetzt spielte er einen der wildesten Strauß'schen Walzer von Anfang bis zu Ende durch. – »Nun,« sagte er dann, »klang der besser?«
»Der klang fast noch trauriger als das erste Stück,« sagte das junge Mädchen ernst und wandte sich dabei halb scheu zur Seite.
»Aber ich weiß nicht, was Du willst, Kind,« rief die Mutter – »was Lustigeres kann es ja doch gar nicht geben, und zuckt es doch sogar mir alten Frau, die das Tanzen lange abgeschworen hat, in den Füßen.«
Bruno erwiederte nichts; wieder griff er einige Accorde, die sich aber fast von selber zu einer Melodie gestalteten, und ohne daß er es vielleicht wußte, klangen sie plötzlich zu Mendelssohn's: »Es ist bestimmt in Gottes Rath,« zusammen. Er spielte es durch, beide Verse, die letzten Töne so leise, daß sie kaum hörbar durch das Zimmer klangen; dann stand er langsam auf und griff nach seiner Dienstmütze, die oben auf dem Instrument lag.
Rebekka stand ihm stumm und regungslos gegenüber; ihr Gesicht war marmorbleich geworden, daß sich die rabenschwarzen, langen Wimpern der niedergeschlagenen Augen deutlich und scharf in einem dunkeln Bogen auf den Wangen abzeichneten. Jetzt schlug sie den Blick zu ihm auf; er war mit Thränen gefüllt und schwamm darin wie zwei dunkle Diamanten, und o – wie zauberschön und lieblich sie war!
»Rebekka!« rief der junge Officier, seiner Sinne kaum mehr mächtig – »und Dich, Mädchen, Dich soll ich nie wiedersehen? Aber es muß sein – die Zeit verfliegt, ich kann nicht länger säumen! Leb' wohl, und wenn Du....«