Was ging ihn des reichen Mannes Tochter an – sie war ihm so »unerreichbar wie die Sterne« und er mochte sich wohl an ihrem Glanz erfreuen, aber durfte auch weiter nicht die Hand nach ihr ausstrecken.

Er hatte sich heute Morgen eine recht prosaische Arbeit hervorgesucht. Es war das Portrait eines benachbarten Gewürzkrämers, der das Bild seiner neu verlobten Tochter als Hochzeitsgeschenk bestimmt hatte. Das Original erfreute sich dabei eines nicht allein alltäglichen, sondern sogar gemeinen Gesichts, mit einer rothen Nase und niederer, von struppigen Haaren eingedämmten Stirn, eines Paars dünner Lippen und sogar noch Blatternarben. Das war eine Physiognomie, wie der Maler sie jetzt brauchte, und er beschloß deshalb auch ganz besonderen Fleiß auf die mit großen unächten Steinen besetzte Tuchnadel, auf die goldene Kette und das gestickte Vorhemdchen zu wenden.

Aber die Staffelei stand so, daß er, wenn er nur zwei Schritte davon zurücktrat, gerade darüber hin den Kopf des teuflischen Majors erkennen konnte, der fast wie höhnisch, und jedenfalls mit einem ganz abscheulichen Ausdruck nach ihm herüber grinste, und der arme Gewürzkrämer kam dabei am Schlimmsten weg. Unwillkürlich arbeitete ihm Ernst mit ein paar Pinselstrichen auch im Gesicht herum, so daß er der Carrikatur dahinter täuschend ähnlich wurde.

Noch war er damit beschäftigt und schon auf dem besten Weg das vor ihm stehende Bild total zu verderben, als man plötzlich ziemlich herzhaft an die Thür pochte und Trautenau, der gerade wieder von seinem Portrait zurückgetreten war, um einen besseren Ueberblick zu gewinnen, sah, daß sich auf sein barsches »Herein« die Thür öffnete und ein Officier – sein eigenes Wandgemälde, wie es leibte und lebte, nur in etwas anderem Costüm, auf der Schwelle stand. –

»Habe ich das Vergnügen Herrn Portraitmaler Trautenau zu sprechen?« sagte der Fremde artig.

»Mein Name ist Trautenau,« erwiederte der junge Mann, in dem Moment doch etwas verlegen, denn er hatte keine Ahnung gehabt, daß sich das Original seines Teufels so bald einstellen würde.

»Mein Name ist von Reuhenfels,« erwiderte der Officier, – »Major, und Sie sind mir als ein so vortrefflicher Portraitmaler in der Stadt genannt, daß ich Sie ersuchen möchte, das Bild einer Dame in Lebensgröße zu übernehmen.«

»Einer Dame?« fragte Ernst, dem bei den Worten alles Blut in seinen Adern zum Herzen zurückströmte.

»Ja, mein Herr. Würden Sie vielleicht im Stande sein, ein solches Gemälde rasch in Angriff zu nehmen, und sobald als möglich fördern zu können? Es ist das Bild meiner Braut.«

Ernst wollte antworten, brachte jedoch kein Wort über die Lippen; die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Aber er fühlte auch, daß er, gerade vor diesem Menschen, nicht wie ein Schulknabe dastehen dürfe, und sich gewaltsam zusammenraffend, sagte er endlich: