Ernst lachte. »Daß sich also ein junges hübsches Mädchen gern selber sieht und ein wenig eitel ist, rechnest Du ihr zum Verbrechen an, – und findest Du eine unter Allen, die davon frei wäre?«

»Gut! wir wollen uns auch darüber nicht streiten, denn die Sache hat keinen Zweck. Dir wird Fräulein Clemence kaum gefährlich werden können, denn wenn sie wirklich mit dem Major verlobt ist, werden wir auch wohl in allernächster Zeit von ihrer Verbindung hören. Solltest Du aber wahnsinnig genug sein, Einspruch thun zu wollen – was ich Dir aber nicht zutraue, denn eine Geistesstörung habe ich bisher noch nicht an Dir bemerkt, so bedenke wohl, daß Dir jedes Recht dazu fehlt. Was Du auch über den Major weißt, können nur Gerüchte sein, für die Du nie wirkliche Beweise bringen würdest, außer vielleicht für die Schulden, und was schadet es dem reichen Joulard, wenn sein Schwiegersohn ein paar tausend Thaler negatives Vermögen hat? Er wird sie eben bezahlen, und die Sache ist abgemacht. Aber wie ist's? Hast Du Lust einen Spaziergang zu machen? Ich komme eigentlich her, um Dich abzuholen.«

»Ich danke Dir – ich bin es jetzt nicht im Stande,« sagte Ernst, »nicht in der Stimmung – es geht mir zu viel, zu Schweres im Kopfe herum – ich muß allein sein – muß mich erst sammeln – aber wenn Du zurückkehrst, sprich wieder bei mir vor.«

»Also sammele Dich,« rief ihm Frank zu, »und ich bin überzeugt, Du wirst in die richtige Bahn hinein kommen. – Ich frage dann wieder vor und hoffe Dich gegen Abend ruhig und vernünftig zu finden. Ueberdieß haben wir heute Künstlerverein, und Du darfst da nicht fehlen.«

Mit diesen Worten warf er seinen Mantel wieder um, setzte seinen Hut auf und verließ das Zimmer. Sein Freund blieb aber in einer trüben, ja fast verzweifelten Stimmung zurück, denn er konnte sich nicht verhehlen, daß Frank in manchen – ja in vielen Stücken Recht hatte und da mit der kalten Vernunft eintrat, wo bei ihm nur Alles Feuer und Leidenschaft war. Was wußte der Vernunftmensch aber auch von Liebe – einer Liebe, die ihm selber das Herz zu verzehren drohte, und der er sich mit aller Zähigkeit hingegeben hatte, mit welcher wir manchmal in der Jugend einen Schmerz pflegen, nur um uns unglücklich zu wissen.

Unglückliche Liebe! Wer von uns Allen hat nicht schon das selige Bewußtsein gehabt unglücklich zu lieben und sich mit Stolz und Heroismus demselben hingegeben. Wir sind auch vielleicht wirklich unglücklich in dem Augenblick – wir verachten das Leben, das für uns nicht den geringsten Reiz mehr hat, begehen aber dabei den Fehler, daß wir uns gewöhnlich für »ewig verloren« halten – wie denn die Jugend mit dem Worte »ewig« einen argen Mißbrauch treibt. So hält sie auch ihren Schmerz für ewig, und weiß doch noch gar nicht was wirklicher Schmerz ist, bis das Leben selber ernst an sie herantritt. Aber dann ist auch ihre Kraft gestählt, und sie trägt und besiegt das Schwerste, wo sie früher unter dem Leichteren zusammenzubrechen drohte.

Ernst Trautenau war aber überhaupt gar keine schmachtende oder weiche Natur. Er rang dem Leben kräftig seine Existenz ab, und wenn ihn auch auf kurze Zeit vielleicht das romantische Gefühl seines Leidens bewältigen konnte, lange war es wenigstens nicht im Stand ihn niederzudrücken, denn der Haß gegen das ihm im Wege stehende Hinderniß gewann die Oberhand.

Wieder und wieder fiel sein Blick auf die Figur an der Wand. Die Kohlenzeichnung genügte ihm nicht mehr, und er beschloß das Bild al fresco in Farben auszuführen. Rasch ging er auch an's Werk – es war eine grimme Genugthuung für ihn, an dem verhaßten und glücklichen Nebenbuhler in solcher Weise seine Rache auszuüben, und kaum zwei Stunden später hatte er das Portrait eines gelbbraunen Satans, mit allen Insignien der Hölle, und noch einer Menge irdischer Zuthaten, in den grellsten Farben prangend, an der Wand vollendet.

Zweites Kapitel.
Der Besuch.

Am nächsten Morgen um elf Uhr saß Trautenau wieder an seiner Staffelei, aber er hatte das Bild, das er am vorigen Tag darauf gehabt, heruntergeworfen und die Leinwand zu einem neuen Gemälde aufgespannt. Mußte er Frank nicht Recht geben? – War es nicht Wahnsinn, da noch eine Hoffnung zu nähren, wo jede Aussicht schon in sich selber zusammenschwand? Ja, sah er auch nur selbst die Möglichkeit voraus, sich der Geliebten zu nahen? denn unter welchem Vorwand konnte er sich bei ihr melden lassen? – Als Retter in den Alpen? Wenn er die Sache ruhig überdachte, so war nicht mehr Gefahr dabei gewesen, als wenn er die fremde Dame über eine gewöhnliche Wiese hinüber geführt hätte – und gab ihm das überhaupt ein Recht sich bei ihr einzuführen? – Wahrlich nicht, ja er mußte erwarten, daß er als zudringlicher Fremder abgewiesen wurde; und eine solche Demüthigung wäre nur verdiente Strafe für seinen Uebermuth gewesen.