»Kennst Du sie?«
»Zufällig habe ich in einem Hause Zutritt, wo sie aus und ein geht, und ich gestehe Dir zu, daß sie ein bildhübsches, ja man könnte sogar sagen schönes Mädchen ist, mit edlen, wenn auch etwas stolzen Zügen, aber –«
»Aber? –«
»Sie ist dabei die ärgste Kokette, die mir im ganzen Leben vorgekommen, und herzlos bis zum Aeußersten.«
»Und woher willst Du das wissen?«
»Das kann ich Dir sagen. Als sie eines Tages jenes Haus verlassen wollte, und ihre Equipage hielt vor der Thür – ich ging hinter ihr die Treppe hinunter – wurde ein armes junges Nähmädchen, die irgend eine Arbeit dort hinauf gebracht hatte, ohnmächtig und fiel gleich neben dem gnädigen Fräulein, ja so dicht bei ihr, daß sie ihr wohl etwas an der Robe mußte beschädigt haben, auf der Flur nieder. Hätte sie ein weiches Herz im Busen, so würde sie sich der Armen angenommen und sie in ihrem eigenen Wagen fortgeschafft haben, so warf sie ihr nur einen Blick voll Abscheu und Ekel zu, sah nach ihrem Kleid und eilte dann so rasch sie konnte in den schon für sie geöffneten Schlag des Wagens, der dann gleich nachher mit ihr davon rollte.«
»Es giebt Menschen, die keinen Kranken, besonders Ohnmächtigen, sehen können,« sagte Ernst, »es geht mir selber so – ich muß mich dazu zwingen – das ist kein Beweis gegen sie.«
»Wenn Du einen Beweis wolltest, wäre der genügend,« meinte Frank, »aber in dem Fall wird Dich auch das Andere, was ich Dir noch sagen könnte, nicht überzeugen.«
»Und das wäre –«
»Daß sie die ganze Zeit, in welcher ich mit ihr dort oben im Salon zusammen war, sich so gesetzt hatte, daß sie sich fortwährend in dem Spiegel sehen konnte, und die Gelegenheit auch auf das Eifrigste benutzte.«