Die bisherigen Insassen des alten Gebäudes sahen allerdings mit nicht geringem Erstaunen diese Vorbereitungen und schüttelten auch wohl den Kopf, wenn die Vermuthung ausgesprochen wurde, daß dort hinauf Kranke geschafft werden sollten – noch dazu mitten in der Regenzeit, wo man da oben und in dem kalten Wetter nicht einmal ein Feuer anzünden konnte. Aber was war in damaliger Zeit in Californien nicht möglich, noch dazu mit armen Teufeln, die sich selber nicht mehr helfen konnten!
Schon am zweiten Tag traf der erste Kranke ein, – ein junger Matrose, bewußtlos und todtenbleich, der von vier Leuten die steilen Treppen hinaufgeschafft und in ein Bett gelegt wurde, Nr. 1. An dem nämlichen Abend langte noch ein kranker Portugiese an und wurde in No. 2 des Amerikaners Nachbar, und ehe eine Woche verging, waren von den zwanzig Betten schon siebenzehn mit solchen Unglücklichen gefüllt, die in diesem »Hospital« kaum besser als auf offener Straße lagen.
Die Bewohner des Missionsgebäudes wollten jetzt allerdings gegen eine solche Einquartierung protestiren, denn sie fürchteten nicht mit Unrecht durch irgend eine gefährliche und ansteckende Krankheit selber bedroht zu werden; aber es half ihnen Nichts. Das nämliche Recht, in dem alten Gebäude zu wohnen, das die Gesunden für sich geltend machten, mußte auch den Kranken werden, und welchen Ausgang gerichtliche Klagen in Californien nahmen, hatten sie nur zu deutlich an dem eigentlichen Besitzer der Mission, an dem katholischen Priester, gesehen, der durch die Gerechtigkeit des Landes von Haus und Hof getrieben worden war.
Welch ein entsetzlicher Aufenthalt war es aber für die unglücklichen Kranken selber, wenn der Regen auf die unmittelbar über ihren Köpfen befindlichen Ziegel schlug und oft sogar auf ihre Kissen tropfte, und der Wind dann durch all die tausend Ritzen und Spalten heulte und pfiff, denn nirgends war der Ort, an dem sie sich befanden, auch nur durch eine Bretterwand abgegrenzt, ja selber nach unten, zu der Brauerei führte nur die vollkommen offene Bodentreppe, und von dort her stieg, wenn da unten gebraut wurde und Feuer unter dem Kessel brannte, der dicke Qualm empor, und sammelte sich da oben zu solchen Schwaden, daß man kaum seine Hand vor Augen sehen konnte.
Der Doctor wollte diesem Uebelstand allerdings abgeholfen haben und beschwerte sich darüber bei den Brauern; aber was nützte ihm das? Die Brauerei hatte dort früher bestanden als das Hospital, und Niemand ihn gezwungen, seine Patienten dort unterzubringen. Allerdings schien sich die Brauerei verpflichtet zu haben, ihre Abtheilung des Bodens, wenn es je verlangt werden sollte, von der andern abzutrennen, aber es war nicht bestimmt, durch was, und so zogen die Eigenthümer, da eine feste Wand gar nicht zu bezahlen gewesen wäre, einfach dünnen Kattun querüber, und durch den ließ sich der Qualm natürlich nicht abhalten; er drang überall hindurch.
So vergingen Monate. Viele, viele Unglückliche waren in diesen entsetzlichen Aufenthalt geliefert, und nur sehr wenige gesund daraus entlassen worden; oft und oft aber kletterten Morgens mit Tagesanbruch vier oder sechs Männer, einen in eine Decke gewickelten Leichnam zwischen sich tragend, die steile und schmale Holztreppe hinab und legten den Verstorbenen unten auf dem kleinen Kirchhof, den die darüber hängende Dachtraufe in der Regenzeit zu kaum mehr als einem Sumpf wandelte, in sein kaltes, feuchtes Grab – nicht einmal einen Sarg bekam er mit; der hätte zu viel Geld gekostet.
Und immer wilderes Leben füllte die weiten, trostlosen Räume des alten Klosters, dessen Zimmer mehr Ställen und Kellern, als menschlichen Wohnungen glichen. Die Brauerei war allerdings indessen aufgegeben, aber an einen anderen Brauer verkauft, der nur noch nicht Besitz davon ergriffen hatte, und noch zwei neue Schenkstände wurden, der eine von einem Mexikaner, der andere von einem Amerikaner, eröffnet.
Zu dem Amerikaner hatten sich die chilenischen Mädchen gezogen, und hielten dort wilde Fandangos, zu welchen nicht selten das rohe Männervolk aus der Umgegend gezogen kam, während die dort in der Nachbarschaft ansässigen Californier mit ihren Frauen und Töchtern das Lokal des Mexikaners benutzten; denn sie haßten die Amerikaner, die ihnen ihr Land genommen und verkehrten nur wenig mit ihnen. Ohne Tanz konnten sie aber ebensowenig bestehen, denn auf der Mission wohnten doch wenigstens zehn oder zwölf californische Familien mit einer Anzahl erwachsener Töchter, und ganz allerliebste Mädchen unter ihnen, denen die kleinen Füße schon zuckten, wenn sie nur Musik hörten.
Eine der hübschesten unter ihnen, und dabei unstreitig die beste, zierlichste Tänzerin, war aber die Señorita Marequita, die Tochter eines dort ansässigen und ziemlich wohlhabenden Viehzüchters, und sobald sie bei einem der Fandangos zum Tanze antrat, wurden ihr nicht nur jubelnde Bravos zugerufen, sondern es flog sogar, nach californischer Sitte, mancher Silberdollar, ja manches Goldstück zu ihren Füßen nieder.
Es konnte auch in der That nichts Lieblicheres geben, als dies junge, bildhübsche Wesen den Fandango oder einen jener anderen spanischen Tänze auszuführen zu sehen. Da bemerkte man freilich Nichts von dem unanständigen Beinewerfen nachgemachter Spanierinnen, die sich bei uns produciren – jede Bewegung war züchtig, aber auch eben so graciös, und wie eine Elfe glitt sie herüber und hinüber. Die Schönheit und Liebenswürdigkeit der jungen Californierin war auch schon bis nach San-Francisco gedrungen, und häufig kamen die Amerikaner heraus, um sie zu bewundern, ja selbst von den in der Bai ankernden amerikanischen Kriegsschiffen trafen zu Zeiten einzelne Officiere ein, und man erzählte sich, daß Einer von Diesen schon sogar um ihre Hand angehalten habe. Aber er mußte mit einem Korb abgezogen sein, denn er ließ sich seit jener Zeit nicht mehr auf der Mission blicken, und die Californier selber zeigten sich danach nur noch soviel stolzer auf ihre Landsmännin, daß sie in keine Verbindung mit dem verhaßten amerikanischen Stamm gewilligt hatte.