Marequita wußte aber auch noch einen anderen Grund, weßhalb sie den freundlichen Worten des jungen Officiers nicht gelauscht, denn ihr Herz war schon seit Monden nicht mehr frei, und sie erröthete tiefer und tanzte befangener, wenn ein junger Franzose, Jerome – wie er von den Kameraden genannt wurde, den Tanzsaal betrat, und ihr in der ersten Zeit nur mit schüchterner Zurückhaltung die Hand zum Gruße bot. Nach und nach schien er aber doch dreister geworden zu sein, denn er besuchte die Mission häufiger, und jetzt auch sogar das Haus in dem Marequita's Vater wohnte, und faßte zuletzt sogar Muth genug, Diesen um die Hand seiner Tochter zu bitten, was der Californier vor allen Dingen mit einer Frage nach seinen Vermögensverhältnissen beantwortete.
Mit diesen stand es freilich nicht – wenigstens nach californischen Ansprüchen so, daß beide Theile hätten damit zufrieden sein können. Der junge Franzose besaß allerdings ein paar hundert Thaler Geld, aber Du lieber Gott! was wollte das in einem Lande sagen, wo man manchmal ebensoviel zu einem Souper verbrauchte, und das Resultat lautete denn auch demzufolge: der Vater würde gegen eine Verbindung des jungen Mannes mit seiner Tochter nicht das Geringste einzuwenden haben, wenn – Don Jerome nur erst einmal nachzuweisen vermöge, daß er im Stande wäre einen eigenen Hausstand zu beginnen und eine Frau zu ernähren. Das sah Don Jerome denn auch ein, nahm zärtlichen Abschied von dem lieben, unter Thränen zu ihm auflächelnden Kind, kaufte sich Handwerkszeug und schiffte sich frohen Herzens nach Sacramento ein, um oben in den nördlichen Minen sein Glück zu versuchen und so rasch als irgend möglich ein reicher Mann zu werden. Aehnliche Beispiele kamen ja alle Tage vor, und weßhalb sollte ihm das Glück nicht ebenso günstig sein als tausend Anderen, die es noch dazu nicht einmal verdienten oder zu benutzen verstanden, weil sie fast regelmäßig auch das Gewonnene gleich wieder an Ort und Stelle vertranken oder verspielten.
So vergingen wieder mehrere Monate. Der Sommer war vorüber, und die Regenzeit setzte aufs Neue ein, ohne daß Briefe von Jerome gekommen wären, und er hatte doch so fest versprochen dann und wann zu schreiben und Nachricht über sich und seine Erfolge zu geben. Aber das junge Mädchen fühlte sich dadurch eben nicht sehr beunruhigt, denn die Postverbindung zwischen San-Francisco und den Minen war eine noch so unvollkommene, und ruhte außerdem fast ganz in Privathänden, daß man auf den richtigen Empfang eines abgesandten Briefes nie rechnen konnte. Es kam sogar grade in dieser Zeit sehr häufig vor, daß derartige Leute, die übernommen hatten Briefe und Geldsendungen zu besorgen, entweder unterwegs überfallen und todtgeschlagen oder beraubt wurden, oder auch selber mit den ihnen anvertrauten Geldern zu Schiff und durchgingen.
Ja sogar in San-Francisco lag das Postwesen noch derart im Argen, daß irgend ein Fremder, wenn er vorgab beauftragt zu sein, Briefe abzuholen, auf dem Bureau sich aussuchen und mitnehmen durfte, was er wollte, – waren doch die Beamten nur froh, dadurch wieder ein Packet unbestellbarer und ihnen lästig werdender Briefe aus ihren Fächern zu bekommen. Ob die Briefe je an ihre Adressen befördert wurden, was kümmerte es sie, sobald sie nur das Porto dafür erhielten.
Auf der Mission hatte sich indessen Manches in sofern geändert, als die Verbindung mit San-Francisco eine weit bessere und leichtere geworden war. Früher mußte man die drei Meilen durch knöcheltiefen Sand Hügel auf und ab waten oder reiten, während Fuhrwerke nur mit Mühe und Noth ihren Weg durch den schweren Boden verfolgen konnten, und jetzt hatten die unternehmenden, thätigen Yankees eine breite, ebene, mit Planken durchaus belegte Straße gebaut, auf der das Fuhrwerk dahinrollte, wie auf einer Eisenbahn. Ueberall auf dem Weg ließen sich dabei Ansiedler nieder, theils auf den späteren Werth der Grundstücke speculirend, theils um gleich jetzt Wirthshäuser und Branntweinschenken zu errichten.
Auch mit der Mission selber war eine Veränderung vorgegangen, indem sich dort einige amerikanische Ackerbauer niedergelassen hatten und zum erstenmale den Pflug in den Boden brachten. Das Land erwies sich auch in der That viel fruchtbarer als man geglaubt, und es zeigte sich später als eine ganz vortreffliche Speculation, das Getreide, das man bis dahin mit schwerem Geld hatte in weit entfernten Hafenplätzen kaufen müssen, hier gleich an Ort und Stelle selbst zu bauen.
Dabei waren auch, um die Mission herum eine Menge von neuen Häusern theils schon entstanden, theils noch im Bau begriffen und ein reges Leben herrschte auf dem sonst so stillen und einsamen Platz. Nur das alte Missionsgebäude mit seiner buntgemischten, wunderlichen Bevölkerung lag noch wie früher träumend unter seinem defecten Ziegeldach, und wenn es auch seine Bewohner zeitweilig wechselte, blieb die Art des Verkehrs darin doch noch für lange Zeit die nämliche.
Der Besuch des Hospitals war allerdings ein geringerer geworden, weil man indessen in der unmittelbaren Nähe der Hauptstadt ein anderes und besseres gebaut hatte. Da übrigens der Doktor von seinen bis dahin enormen Preisen herunterging und billigere Bedingungen stellte, so wurden ihm doch noch von Zeit zu Zeit einzelne Patienten ausgeliefert, deren Mittel entweder nicht ausreichten, oder für welche Andere zu sorgen hatten, wobei sie die Vorsicht nicht versäumten, so wenig als möglich Auslagen zu haben.
In den Minen waren auch grade außergewöhnlich viel Krankheiten vorgekommen, denn so gesund das californische Klima an und für sich sein mochte, so trug doch die wilde, unregelmäßige Lebensart, wie die schwere, für Tausende ungewohnte Arbeit viel dazu bei, besonders hitzige Fieber zum Ausbruch zu bringen, die für die davon Betroffenen nur zu häufig aus Mangel an Pflege und ärztlicher Behandlung einen schlimmen und tödtlichen Ausgang nahmen.
Wie mancher arme Teufel, der mit goldenen Hoffnungen und Träumen in das Land gekommen, erhielt dort oben Nichts als sechs Fuß Erde und einen Steinring um das enge Grab, auch wohl noch ein rohes Kreuz mit dem Beil in den nächsten Baum eingehauen – das war Alles. Und daheim seine Lieben sorgten und ängstigten sich vielleicht noch Jahre lang um den Geschiedenen, mit sehnenden Herzen seiner Rückkehr harrend, und schrieben und frugen an bei Behörden und Regierung. Umsonst – wer kannte die Namen der Todten, die überall zerstreut unter den Eichbäumen des weiten Landes lagen – wer hatte je nach ihnen gefragt!