»Und wo liegt die Mission?«
»Gleich dort drüben, um die Landspitze herum – rechts hinein geht ein schmaler Kanal, in den Ihr bei Fluthzeit einfahren könnt. Wenn ihr ein Boot miethet, bringt Euch das ganz bequem bis ziemlich dicht an's Missionsgebäude, und dort fragt nur nach dem Hospital – jedes Kind zeigt Euch den Weg dahin.«
»Dank' Euch – dank' Euch vielmals,« nickte der Franzose, der sich des armen todtkranken Landsmanns in der That erst unterwegs angenommen hatte, weil er sah, daß sich Niemand sonst um ihn bekümmerte. Keine Seele an Bord wußte auch, wie es schien, etwas von ihm. Er war allein und allerdings schon krank auf den Dampfer gekommen und hatte sich, nachdem er seine Passage bezahlt, in seinen Mantel gewickelt, auf Deck niedergeworfen; dort mußte das hitzige Fieber erst in ihm ausgebrochen sein, und von da ab war er auch nicht recht wieder zur Besinnung gekommen, um Rechenschaft über sich zu geben.
Sein Landsmann aber ließ ihn nicht im Stich, wie denn überhaupt die Franzosen in fremden Welttheilen besonders treu zu einander halten und uns Deutschen dabei mit einem – freilich selten beherzigten – guten Beispiel vorangehen. Er miethete ohne Weiteres eines der dort am Werft liegenden Boote, und da es gerade die günstige Zeit war, um die Mission Dolores zu Wasser zu erreichen – fast die höchste Fluth, – so hoben sie den Kranken in das Boot hinab und ruderten ihn, von der Strömung noch außerdem begünstigt, rasch die Bai hinauf, um Rincons Point hinum und in den schmalen Kanal hinein, dessen Landungsplatz kaum mehr als zweihundert Schritt von der Mission selber entfernt lag.
Der Franzose wußte sich hier, da er keine Seele am Ufer fand, auch nicht anders zu helfen, als daß er den Kranken noch unten im Boot ließ und indessen selber hinauf zum Arzt ging, um mit Diesem Rücksprache zu nehmen.
»Konnte der Kranke für seine Pflege und ärztliche Behandlung zahlen?« war die erste, vorsichtige Frage Desselben, die der Franzose dahin beantwortete, daß er an dem Gürtel seines Landsmannes, unter der Blouse, einen Lederbeutel mit Gold gefühlt habe. Der Mann kam aus den Minen und führte jedenfalls das dort Erworbene bei sich. Das genügte. Der fremde Arzt wußte recht gut, daß er sich im Fall einer mißlungenen Kur selbst bezahlt machen konnte, und hatte in solchen Fällen schon die Erbschaft von verschiedenen Kranken angetreten, deren Familien nicht ausfindig gemacht werden konnten – wenigstens nicht ausfindig gemacht wurden. Er sandte auch augenblicklich seine Krankenwärter hinunter, die den Patienten herauf holen mußten, und der junge Franzose begleitete den Armen dann noch die Treppe hinauf bis an sein Bett und schauderte freilich, als er den elenden Aufenthalt entdeckte, der dem Armen von jetzt ab Heilung geben sollte.
Das Hospital hatte sich auch in der That nicht – seit der Errichtung desselben – zu seinem Vortheil verändert, denn damals waren die Betten doch noch wenigstens neu und reinlich gewesen – und wie sahen die jetzt aus!
Es war vorgekommen, daß einzelne Kranke, die noch die Kräfte besaßen, wieder die Treppe hinunter schwankten und dann erklärten, lieber wollten sie auf Gottes freiem Erdboden, als dort oben in jenem entsetzlichen Aufenthaltsort liegen bleiben – aber das geschah doch nur im Verhältniß sehr selten und da Eines von diesen verwöhnten Subjekten eines Abends wirklich den Platz verließ und noch ein Stück den Hang hinan unter einen einzeln stehenden Baum kroch und dort in der Nacht starb, so wurde dieses Beispiel später etwa Widerspenstigen immer mit dem besten Erfolg vorgehalten.
Der junge kranke Franzose sah Nichts von seiner ganzen Umgebung; er wurde bewußtlos die Treppe hinan- und auf ein Bett getragen, dort genau von dem Doktor untersucht und dann zugedeckt. Der oben auf Wache befindliche Wärter bekam hierauf die Ordre, den Doktor augenblicklich zu rufen, sobald der letztgekommene Patient – Nr. 14, wie er nach seinem Bette genannt wurde – erwache; aber der Doktor brauchte nicht wieder an dem Tage gestört zu werden, denn Nr. 14 kam nicht zur Besinnung, phantasirte nur stark und schwatzte eine Menge tollen Zeuges, rief auch ein paarmal einen spanischen Frauennamen, und lag dann Stunden lang regungslos mit geschlossenen Augen da. Ein furchtbares Fieber schüttelte seine Glieder, und der Kopf glühte ihm, daß es fast seine Stirnadern zu sprengen drohte.
Am nächsten Tag erwachte er allerdings, zeigte sich aber als ein sehr unruhiger und auch unbequemer Gast, denn sein Geist schien zu wandern und er wollte auf und davon. Die Wärter hielten ihn zurück und der Doktor wurde gerufen; er verordnete, daß man den Patienten an sein Bett festbinden und ihm kalte Umschläge machen solle. Er wehrte sich dabei wie rasend, aber es half ihm Nichts; es wurde weitere Hülfe herbeigeholt, und kaum eine Viertelstunde später lag er, an Händen und Füßen festgeschnürt, auf seinem Schmerzenslager, während ihm einer der Wärter, mit einem Stalleimer voll Wasser neben sich, nach der Verordnung des Arztes nasse Tücher um den Kopf legte.