Der Gebundene lag eine Zeitlang still; die kühlen Umschläge schienen ihm gut zu thun – aber das dauerte nicht lange. Sobald er sich nur wieder einmal regte und die ihn haltenden Bande fühlte, so brach auch seine Wuth von Neuem aus. Er tobte und wand sich umher und schrie dabei, daß man es weit über die ganze Mission hören konnte, und die Frauen und Kinder sich davor fürchteten. Dieser Zustand dauerte viele Tage und Wochen und Jedermann dort wußte und erzählte sich, daß ein sehr bösartiger Geisteskranker oben im Hospital untergebracht sei und dem Doktor viel zu schaffen mache. Wo er herstamme und wer er sei, darum kümmerte sich Niemand; wer hätte auch all die Leute kennen wollen, die von Ost und West und Süd und Nord nach Californien geströmt waren, um dem Boden seine Schätze zu entreißen? Es war eben ein »Fremder«, und das Wort entsprach in damaliger Zeit allen Bedürfnissen, die man sonst vielleicht empfunden hätte, nach Namen und Stand zu forschen.
Auf das eigentliche tolle Leben in der Mission hatte dieser unheimliche Gast jedoch nicht den geringsten Einfluß. In beiden Flügeln des großen Gebäudes wurde ruhig fort musicirt und getanzt, und wenn auch einmal in einen ihrer Fandangos ein wilder, gellender Schrei hineintönte, so schraken die jungen Mädchen wohl zusammen und sahen sich scheu einander an, aber die Instrumente fielen dann nur um so rauschender und tönender ein und der Tanz verlangte sein Recht. Was hätte es auch dem armen Kranken da oben geholfen, wenn sie ihre Lust unterbrechen wollten? Dort wo er lag, konnte er nicht einmal die Musik hören, keinenfalls aber dadurch gestört werden.
Marequita hatte sich indessen in der ersten Zeit, nachdem Jerome sie verlassen, ziemlich fern von den sonst so häufig besuchten Fandangos gehalten. Sie kam wohl dann und wann hinüber und tanzte ein- oder zweimal, ließ sich aber nie verleiten länger zu bleiben, und verließ selbst ihr Haus nur selten. – Aber wie monoton war das Leben auf der Mission, wenn man sich auch noch die so spärlichen Vergnügungen versagen wollte, die von Zeit zu Zeit ein unschuldiger Tanz bot. Jerome ließ gar Nichts von sich hören; er hätte doch gewiß einmal schreiben können, wie es ihm ging, und ob er Hoffnung habe, bald zurückzukehren. Von allen Minen trafen außerdem Händler oder Goldwäscher in San Francisco ein, und wie leicht wäre es ihm gewesen, Einen von Diesen zu bewegen, ihnen Nachricht zu bringen. Aber Niemand ließ sich sehen – Niemand, und der Vater Marequita's frug viele Menschen aus den verschiedensten Distrikten; Keiner von alle Diesen wußte freilich etwas von einem Franzosen Jerome, oder hatte je von ihm gehört; war es denn ein Wunder, daß ihr zuletzt die Zeit lang wurde und sie den Bitten ihrer Freunde und besonders des jungen tanzlustigen Volkes nicht mehr so hartnäckig widerstand? Und wie jubelten ihre Landsleute nicht allein, nein, auch die Fremden, wenn sie sich wieder im »Saale« zeigte! Welche Triumphe feierte sie! und manchen Abend mußte sie die ihr geworfenen Dollarstücke sogar in der Mantille nach Hause tragen, weil sie das viele Geld gar nicht mehr in den Händen halten konnte.
Heute war der Vater wieder in San-Francisco gewesen und hatte dort, zum ersten Mal, so oft er sich auch schon erkundigt, einen Franzosen gesprochen, der Jerome genau kannte und sogar mit ihm gearbeitet hatte. Der aber behauptete, Jerome sei glücklich in den Minen gewesen und schon vor langen Wochen nach San-Francisco zurückgekehrt, wo er, wie er ihm erzählt, heirathen und ein kleines Hotel gründen wollte. Seit dem Tage aber habe er ihn natürlich nicht mehr gesehen, und wenn er sich jetzt nicht in der Stadt befinde, müsse ihm doch am Ende ein Unglück zugestoßen sein.
Du lieber Gott! aus den Minen zurückkehrende Goldwäscher wurden aber gar nicht etwa so selten von nichtsnutzigem Gesindel angefallen, todtgeschlagen und beraubt; Dampfbootkessel waren außerdem geplatzt, Boote zusammengerannt und gesunken. Er konnte auch San-Francisco glücklich erreicht und dort sein ganzes gewonnenes Gold am ersten Abend verspielt haben – wie oft geschah das! – und dann stak er jetzt vielleicht schon wieder oben in den Bergen, um sein Glück von Neuem zu erzwingen. Das Letztere schien auch in der That das Wahrscheinlichste, denn leicht gewonnenes Geld wird selten geachtet, und verschwindet oft rascher als es erlangt wurde, und die also Betrogenen schämen sich dann stets, ihren Leichtsinn einzugestehen.
Marequita weinte, als ihr der Vater die Kunde brachte – also das wäre die Liebe gewesen, die ihr Jerome geschworen, daß er das schon in den Händen gehaltene Glück auf trügerische Karten setzte, und ihr nicht einmal Kunde von seiner Rückkehr gab? Dann aber brauchte sie sich auch nicht mehr um den leichtsinnigen Menschen zu grämen, oder ihm gar ihre Jugend zum Opfer zu bringen. – Heute Abend war großer Fandango – die Offiziere eines in der Bai ankernden spanischen Kriegsschiffes hatten zugesagt, die Mission zu besuchen – lag es doch auch gerade dem Kanal gegenüber, und das junge Mädchen beschloß, sich heute Abend dem Tanz wieder mit der alten, unermüdeten Lust hinzugeben wie vordem.
Allerdings machte der Wirth auch die größten und ganz außergewöhnliche Anstalten, um die einst weiß gewesenen, trostlos nackten Wände seines Lokals für das Fest so freundlich als möglich zu decoriren, und ein Dutzend Indianer waren schon seit Tagesanbruch beschäftigt gewesen, grüne Büsche jenes lorbeerartigen Baumes, der in Masse an den nächsten Hängen wuchs, herbeizuschleppen, und den ganzen Raum in eine Laube zu verwandeln. Ueberall wurde gehämmert und gebohrt und recht unheimlich drang zu diesen Vorbereitungen einer frohen Lust manchmal das Geheul des Wahnsinnigen herunter, so daß sich der Wirth noch für den Abend eine große Trommel und zwei Trompeter extra bestellte, um mit der rauschenden Musik die unglückseligen Laute zu übertäuben. Er hätte das aber nicht nöthig gehabt, denn schon gegen elf Uhr schwiegen die Aufschreie – kein Ton wurde mehr gehört und bald brachte auch ein Krankenwärter die Nachricht herunter, der Unglückliche, der ihnen die letzten Wochen so viel zu schaffen gemacht, sei vor etwa einer halben Stunde plötzlich auf sein Lager zurückgefallen und gestorben.
»Grazias a Dios!« rief der Wirth, »Gott sei seiner armen Seele gnädig und gebe ihr den ewigen Frieden, aber ich bin froh, daß wir ihn los sind, amigo, denn das Geschrei war kaum noch zum Aushalten und ich selber schon im Begriff, den sonst so bequemen Platz zu verlassen, um mich wo anders anzusiedeln. Jetzt stört er uns auch heute Abend die fremden Gäste nicht, und die jungen Damen besonders werden dem Himmel danken, daß sie sich nicht mehr vor dem Tollen zu fürchten brauchen.«
Das war auch in der That ein reges Leben heute auf der Mission, und noch dazu Sonntag und prachtvolles Wetter, so daß ganze Schwärme von Lustwandelnden und Reitern und Wagen aus San-Francisco herüber kamen, um den Nachmittag hier draußen zuzubringen.