Und wie stolz betrachtete sich indessen der Wirth seinen so stattlich herausgeputzten Ballsaal, in welchem höchstens die Mittel zur Beleuchtung etwas zu wünschen übrig ließen. Aber Gas gab es freilich nicht, und Stearinkerzen, auf Leuchter mit Reflectoren von weißem Blech gesetzt, mußten da aushelfen.
Uebrigens dachte das tanzlustige Volk gar nicht daran, den Abend zu erwarten, um die Lustbarkeit zu beginnen; wozu sollten sie den ganzen schönen Tag versäumen? und der Wirth hatte wirklich Mühe, sie nur so lange zurückzuhalten, bis er seine nöthigsten Arbeiten im Innern beendet hatte, denn daß er nachher keinen Moment Zeit dafür behielt, wußte er gut genug.
Es war vier Uhr Nachmittags, als zwei Jöllen mit Offizieren von dem spanischen Kriegsschiffe abstießen und dem Lande zuruderten, und zugleich begannen auch die Musici als Introduction einen lustigen Marsch zu spielen, um die willkommenen Gäste damit zu empfangen. – In derselben Zeit drückte der Arzt da oben dem Todten die Augen zu und die Krankenwärter lösten ihm die bis jetzt noch immer gefesselten Arme und falteten ihm die Hände auf der stillen Brust, wuschen ihn auch und kämmten sein volles, lockiges Haar, das ihm bis jetzt wirr und wild um die Schläfe gehangen hatte. Dann wurden die Wärter hinunter auf den Kirchhof gesandt, um ein Grab für den Unglücklichen auszuwerfen. Heute war es schon zu spät geworden, aber morgen mit dem Frühesten sollte er beerdigt werden, denn länger konnte man ihn unmöglich dort oben zwischen den Lebenden lassen.
Draußen schaufelten, unmittelbar neben dem alten Missionsgebäude, die Männer das schmale Grab aus, und inwendig spielten mit Trommeln und Trompeten die Musici den lustigen Marsch und plauderten und lachten die jungen Mädchen mit einander, sich des schönen Tages freuend. Auch zu ihnen war wohl die Kunde gedrungen, daß der Wahnsinnige gestorben sei, aber auch sie freuten sich darüber, denn lange genug hatte er sie fürchten gemacht und auch wohl bös erschreckt, wenn manchmal mitten in der Nacht sein gellender Aufschrei zu ihnen herübertönte. Das war jetzt vorbei – aber es dachte Keine von ihnen länger als einen flüchtigen Augenblick an den Unglücklichen; andere Dinge gingen ihnen im Kopf herum, denn dort kamen die fremden Offiziere in ihren prächtigen Uniformen schon über den niederen Küstenhang vom Ufer herauf, und der Tanz nahm ihre ganze Aufmerksamkeit vollständig in Anspruch.
Indessen sammelte sich das »Volk« vor dem alten Missionsgebäude, und es war in der That wunderlich anzusehen, welche bunte Mischung von Stämmen und Trachten sich hier zusammen gefunden hatte. Das schienen auch nicht die Bewohner einer einzigen Stadt, die sich hier an einem Sonntag Nachmittag versammelten, das glich weit eher einem Carneval, der die Repräsentanten aller Zonen und Welttheile für kurze Zeit vereinigte, und alle Zonen, – mit Ausnahme vielleicht der kalten – waren wirklich vertreten.
Hier stand eine Gruppe von Yankees, in dem unvermeidlichen schwarzen Frack, den hohen Cylinderhut weit nach hinten auf den Kopf gedrückt, die Hände in den Taschen und goldene Uhrketten, Tuchnadeln, Hemdknöpfchen und Berloques eingehakt. Dazwischen drängte sich ein kleiner Schwarm von Chinesen herum, in ihren blauen Kattunjacken und weiten weißen Hosen, die langen Zöpfe wohl geflochten und gepflegt. Südsee-Insulaner waren da, die scheu und verwundert auf dem fremden Boden umhergingen, und oft nur in ihrer eigenen Sprache zusammen plauderten und lachten, wenn ihnen etwas gar zu Absonderliches in die Augen sprang – Mexikaner mit den, an der Seite bis oben hin aufgeschlitzten und mit silbernen Knöpfen besetzten Sammethosen und den kurzen, ebenfalls so garnirten Jacken, den breitrandigen Wachstuchhut auf dem Kopf; Californier mit ihrem langen, in den prachtvollsten Farben gewebten Ponchos, die ihnen fast bis auf die Knöchel hinabreichten und die ganze Gestalt verhüllten. Deutsche, Engländer, Franzosen, Irländer, Backwoodsmen in ihren ledernen Jagdhemden, die lange Büchse noch auf der Schulter, wie sie gerade über die Felsengebirge gekommen waren; Chilenen in den kurzen Ponchos, Neger und Mulatten in allen Schattirungen, und dazwischen die aus den Minen oft mit schweren Beuteln voll Gold zurückgekehrten Goldwäscher in den phantastischsten Costümen, die sich nur denken lassen – abgerissen in ihren Kleidern auf das Entsetzlichste, mit geflickten Hosen und Jacken, mit zerrissenen Stiefeln, und Hüten, die Monate lang am Tag der Sonne und dem Regen getrotzt und Nachts dann als Kopfkissen gedient hatten. Und in kleinen Gruppen standen dabei die Eingebornen des Landes, die eigentlichen, rechtmäßigen Herren des Bodens, und doch vielleicht die einzigen, vollständig Besitzlosen in der ganzen Masse, die ihr Leben jetzt durch Tagelohn kärglich fristen mußten.
Welch bunte Völkermischung trieb sich auf dem engen Platz umher, und dieser schlossen sich nun auch noch die spanischen Marine-Offiziere in ihren blitzenden, goldgestickten Uniformen an und vollendeten eigentlich erst das bunte, wunderliche Bild. Aber die rauschende Musik zog sich auch bald zu dem eigentlichen Knotenpunkt des Vergnügens hin, und so öde der Platz da drinnen sonst gewöhnlich aussah, so freundlich schien er ihnen heute nicht allein durch das frische Grün der Zweige, das die Wände deckte, nein auch durch die vielen, lieben Mädchengestalten, die sich hier versammelt hatten und jetzt nun verschämt und doch auch wieder mit vor Vergnügen blitzenden Augen des Tanzes harrten.
Wo alle Theile so willig waren, dauerte es aber auch nicht lange, bis er begann, und wie nur die kriegerischen Töne des Marsches schwiegen und in die allbeliebte muntere Weise des Fandango übergingen, hatten sich rasch einige gleichgesinnte Paare gefunden, die zusammen antraten – und Marequita war unter ihnen und ihr Tänzer einer der jungen Offiziere.
Es gab allerdings damals noch wenig Frauen in Californien, denn das wilde Leben im ganzen Lande bot noch keinen rechten Grund und Boden für eine Familie. Was deshalb von Amerika oder Europa an weiblichen Wesen herüber gekommen war, gehörte nur den Klassen an, die sich darin wohl fühlen konnten, und dazu hatte Chile die größte Zahl gestellt. Die Fremden, wenn sie wirklich anständige Damengesellschaft suchten, blieben deshalb allein auf die hier ansässigen Californierinnen angewiesen.
Zu diesem Fandango hatte übrigens auch die weite Nachbarschaft ihre schönen Gesandtinnen hergeschickt. Die Mission selber stellte fünf allerliebste Mädchen, und nicht allein befand sich gerade ein Besuch von Pueblo San-José hier, der drei reizende junge Damen aufweisen konnte, es waren auch noch flinke und hübsche Tänzerinnen theils vom Präsidio, theils von Sanchez Rancho angekommen. Ja selbst von der Mission San-Rafael hatten sich zwei junge Damen eingefunden.