Allerdings wären wohl noch immer am heutigen Tage auf eine Tänzerin mehr als zwanzig Tänzer gekommen, wenn sich Alle hätten dabei betheiligen können, aber die »Fremden« verstanden ja nicht den Fandango und seine verwickelten und doch so graziösen Touren, und nur die Chilenen, deren Sambacueca die größte Aehnlichkeit damit hat, durften es wagen, Theil daran zu nehmen. Sonst blieb der Boden, mit Ausnahme einiger Franzosen, die sich rasch hineingefunden, den Spaniern, Californiern und Mexikanern, und da stellte sich denn doch kein so bedeutendes Mißverhältniß in der Zahl heraus.

Kopf an Kopf gedrängt standen aber die Zuschauer wenigstens auf der einen Seite des Saals und im hinteren Theil desselben, nur eben genügend Raum für die Paare lassend, während die andere Seite, an welcher sich auch die Musici befanden, der einen Thür wegen, frei bleiben mußte, da der Wirth nur durch diese aus- und eingehen konnte. Seine durstigen Gäste verlangten Erfrischungen, denn die Hitze im Saal war fast erstickend. Wie aber die Nacht einbrach, änderte sich das, denn die meisten heutigen Besucher der Mission kehrten in ihre Wohnungen nach San-Francisco zurück, und die Yankees besonders bekamen es auch satt, allein ruhige Zuschauer bei einem Tanz abzugeben, den sie nicht einmal verstanden und deshalb auch nicht schön finden konnten. Dies ruhige Herüber- und Hinüberschweben gefiel ihnen nicht; es war, so anmuthig die Damen es auch ausführen mochten, doch viel zu monoton für sie und sie vermochten nicht einmal dem Takt zu folgen – ja wenn es ein tüchtiger »Reel« oder eine »Hornpipe« gewesen wäre, der hätten sie mit Hacken und Fußspitze schon Nachdruck geben wollen!

Die Miner und das übrige Volk hielten ebenfalls nicht viel länger aus, denn es gab keine Spielzelte auf der Mission, keinen Platz, auf dem sie ihr Glück versuchen, und das mühsam ausgegrabene Gold in leichter Weise verdoppeln – oder auch verlieren konnten, und sie verließen einzeln oder in Trupps die Mission wieder, um zu den Spielhöllen der Plaza zurückzukehren und sich der Aufregung des Monte hinzugeben. Viele Mexikaner thaten das Nämliche, aber die Chilenen, obschon dem Hazardspiel ebenso ergeben, hielten aus, auch die Offiziere der spanischen Fregatte wichen nicht vom Platze, ebensowenig die dort ansässigen oder benachbarten Californier, und der Raum blieb immer noch gefüllt, wenn er auch nicht mehr wie den Nachmittag über, gedrängt war.

Je mehr dabei die spanischen Gäste mit den jungen californischen Damen bekannt wurden, desto lebendiger gestaltete sich der Tanz, und Alles schien zu wetteifern, um neue und piquante Touren zu erfinden. Die Königin des Festes blieb aber, trotz vieler bildhübschen Rivalinnen, Marequita, der ihr Tänzer fast nicht mehr von der Seite wich, und bald war sie die Ausgelassenste und Lebendigste von Allen, und übertraf sich selber. Aber die spanischen Offiziere sollten sie heute Abend nicht blos tanzen sehen, sie sollten auch noch einige von den californischen Sitten und Gebräuchen kennen lernen, und Marequita flüsterte deshalb ihrem Bruder zu, rasch nach Hause zu springen und eine Anzahl von ausgeblasenen Eiern, die zu dem Zweck schon immer vorräthig gehalten wurden, in der bekannten Art zu füllen – galt es doch eine Ueberraschung.


Oben im Hospital des Missionsgebäudes herrschte tiefe Dunkelheit. Das Wetter war den ganzen Tag über schön und klar gewesen, und noch jetzt funkelten die Sterne in heller Pracht vom Himmel nieder, aber der Wind hatte sich erhoben, der über die niederen Küstenberge fast unablässig mit solcher Gewalt herüberweht, daß die dort einzeln wachsenden Bäume ihr Laub alle nach der entgegengesetzten Seite hinüber gedrückt tragen, und auch selber dorthin neigen, als ob sie den steten Stürmen entfliehen wollten und sich von ihnen abwendeten.

Wie das da oben auf dem dunklen Boden pfiff und zog! Die alten, moosbewachsenen Ziegel klapperten ordentlich dumpf und klanglos zusammen, und nur das Stöhnen und Aechzen der unglücklichen Fieberkranken mischte sich mit dem unheimlichen Laut.

Und dazwischen lag der Tod. Kalt und starr auf seinem Schmerzenslager ausgestreckt, ruhte der »Wahnsinnige«, wie er überhaupt seit den letzten Monaten von den Krankenwärtern nur genannt worden. Man hatte ihm eins von seinen neuen rothen Hemden und ein paar weiße Beinkleider angezogen – denn die Decke war augenblicklich zum Waschen gegeben, um wieder verwandt zu werden – und mit gefalteten Händen träumte er der Ewigkeit entgegen.

Träumte er? – die Betten rechts von ihm (denn man hatte ihn zunächst der Treppe gelegt, um ihn so fern als möglich von den übrigen Kranken zu halten, die er bis jetzt durch sein wildes Schreien nur zu oft gestört und erschreckt) standen leer. Das Hospital barg jetzt nicht so viele Patienten, um nicht Raum genug für die Anwesenden zu finden. Der arme Doktor hatte in dem Stadthospital Concurrenz bekommen, und sich doch so viele Mühe gegeben, seine Kranken behaglich unterzubringen.

Und wie still das heute Abend dort oben war! Ein paar Leidende wimmerten allerdings leise vor sich hin, aber sonst hörte man Nichts, als das dumpfe Rauschen und Pfeifen des Windes und gelegentlich mit dem Luftzug, die von unten herauf schallenden munteren Weisen der Trompeten und Violinen, wie zuweilen das dumpfe Hämmern der großen Trommel, die ein Mulatte mit unendlicher Ausdauer bearbeitete. Da unten herrschte Jubel und frische Lebenshoffnung – hier oben kauerte der Tod und zählte die ihm verfallenen Opfer.