Die alte Missionsglocke schlug die zehnte Stunde, und kein Wärter ließ sich sehen, obgleich der eine Fieberkranke schon lange nach einem Trunk Wasser gewimmert hatte. Wer konnte es ihnen auch verdenken, daß sie nicht da oben zwischen Jammer und Elend blieben, wo nur ein paar hölzerne Stufen sie mitten unter Lust und Freude brachten? Es war Fandango auf der Mission und ein paar Gläser agua ardiente (Branntwein) konnten ihnen gewiß nicht schaden, um den Körper zu erwärmen, und die lange mühselige Nachtwache nachher auszuhalten. Außerdem war der »Doctor« gerade heute nach der Stadt geritten, und sie brauchten deshalb nicht zu fürchten, daß er sie bei einer Vernachlässigung ihrer Pflicht ertappe, über welche sie sich selber wenig genug Gewissensbisse machten. Hatten sie doch seit Wochen fast den oberen Raum nicht verlassen dürfen, so lange der »Wahnsinnige« dort tobte und an seinen Banden riß. Heute war der erste freie Abend, den sie bekamen, und den wollten sie denn auch nach besten Kräften nutzen.
Hei, wie das durch die Ziegel pfiff! und drüben in der Lorbeerwaldung, die in der Richtung nach San-Francisco zu lag, hatten dazu die Wölfe ihr Abendconcert begonnen, die großen, braunen californischen Wölfe, und die Cayotas, das kleine Steppengesindel, das mit seinen feinen Stimmen den Diskant zu dem Grundbaß der ersteren heulte. Und wie deutlich konnte man das hier oben hören, da der Luftzug die Laute gerade herübertrug, und wie sonderbar das zu der Musik und dem Pfeifen des Sturmwinds klang!
Die Glocke draußen hatte eben ausgeschlagen, als ein heftiges Zittern den Körper des »Todten« überflog. Der Nachtwind wehte auch kalt genug, und dem von Krankheit abgeschwächten Körper fehlte die schützende Decke, die ihn sonst wenigstens warm gehalten.
Der Kranke hob staunend den Kopf und horchte den fremden, wunderlichen Lauten, die zu ihm herüberdrangen. Hatte er in einem Starrkrampf gelegen, der bis dahin seine Glieder gefesselt hielt? Er fuhr sich mit der Hand nach der Stirne – auch die Hand war nicht mehr gebunden – er hob sich vom Lager und fühlte seinen Körper frei und unbehindert – aber dunkle Nacht umgab ihn – er war nicht im Stande zu sehen, wo er sich befand, noch hatte er eine Ahnung, an welcher Stelle das sein könnte.
Wie schwach er auch geworden war! – als er zum ersten Mal wieder auf den Füßen stand, vermochten ihn seine Kniee kaum zu tragen, und er mußte sich zurück auf das Bett setzen, um nicht umzusinken. – Und wie das in seinem Kopfe hämmerte, und pochte, und mit wilden, unheimlichen Gedanken herüber- und hinüberzuckte! Aber die Musik da unten? – er horchte hoch auf – was war das? wohin hatte ihn das Schicksal geführt?
Er versuchte noch einmal aufzustehen, und als er herumtappte, trafen seine Finger auf einen dünnen Kattunvorhang, hinter welchem er ein festes Geländer fühlte. Er hob den Vorhang auf und glitt darunter durch; wie er aber vorsichtig weiter tappte, trat sein Fuß ins Leere und er merkte bald, daß er an einer Treppe stand. Einen Augenblick überlegte er, aber munterer als vorher ertönten in diesem Moment wieder die Instrumente von unten herauf, und ohne sich länger zu besinnen, stieg er hinab.
Wie das da unten lachte und jubelte und seiner unschuldigen Lust und Freude folgte! Die Eier waren angekommen, und Marequita's Tänzer erschrak nicht wenig, als ihm seine Tänzerin plötzlich, mitten im Fandango, die Mütze ein wenig zurückschob, und er gleich darauf einen wahren Schauer von Eau de Cologne an sich niederrieseln fühlte.
»Caramba, Señorita« rief er aus, indem er erschreckt zurücksprang, »was ist das?« – Aber lautes Jubeln und Lachen beantwortete seine bestürzte Frage und Marequita's Bruder hatte jetzt wirklich Mühe, nur noch einen Theil seiner sorgfältig präparirten Eier für die Schwester zurückzubehalten, denn von allen Seiten stürmten die jungen Mädchen auf ihn ein, um ihm ein paar abzubetteln, oder auch, wenn das nicht ging, durch List oder Gewalt zu entreißen, und jetzt brach der Muthwillen der jungen Damen voll und entfesselt los.
Und wie schön Marequita in dieser ungezwungenen Fröhlichkeit war – wie bildschön! Der arme Marineoffizier, der Jahre lang draußen auf öder See herumgeschwommen, und hier zum ersten Mal wieder dem Reiz weiblicher Liebenswürdigkeit begegnete und von dessen Zauber umsponnen wurde, war ganz hingerissen.