In den Hauptstraßen der Stadt und im ganzen übrigen Theil derselben herrscht nämlich volle Sicherheit und man kann dort zu jeder Stunde der Nacht ungefährdet passiren; dieses Viertel aber dürfte von einem anständig gekleideten Menschen doch lieber zu vermeiden sein, denn der Auswurf der Bevölkerung hat dort seinen Wohnsitz aufgeschlagen, und wer sich dahinein mischt, hat sich die Folgen selber zuzuschreiben. Ermordungen fallen dort wenigstens gar nicht so selten vor, und noch am letzten Abend war ein Bootsmann in einer dieser Winkelgassen erstochen worden, ohne daß man bis jetzt im Stande gewesen wäre, den Thäter zu ermitteln.

Ein Fremder, der sich dort allein hineinwagte, würde außerdem nichts weiter zu sehen bekommen, als die der Straße zunächst gelegenen Trinklokale, und man ihm nie gestatten, weiter in diese Höhlenwirthschaft einzudringen. Dazu aber hat die Polizei das volle Recht und macht denn auch davon zu unregelmäßigen Zeiten Gebrauch, um hie und da einmal einem dort vielleicht versteckten Verbrecher auf die Spur zu kommen, oder die Insassen der verschiedenen, ihnen wohlbekannten Cabachen zu revidiren.

Einem solchen Streifzug, den zwei Polizeilieutenants (der Eine von ihnen ein Deutscher) unternahmen, schloß ich mich mit einem Freunde an, und etwa um acht Uhr Abends trafen wir uns auf der einen Polizeistation, die an sich schon manches Interessante bot.

Es sind das nämlich die Plätze, wo aufgegriffene Vagabonden oder auch Verbrecher festgehalten werden, bis ihre Untersuchung eingeleitet und ihre Strafe bestimmt werden kann, und die Art, wie man sie dort unterbringt, ist so eigenthümlich wie praktisch. Man sperrt sie nämlich keineswegs in kleine, aus dicken Mauern bestehende Zellen, mit eisenbeschlagenen Thüren und Schlössern und sorgfältig verwahrten Oefen, durch welche sie aber noch trotzdem manchmal ihren Weg zur Flucht suchen, sondern in einem großen Saal, am Tag durch Fenster, Nachts durch Gas erleuchtet, stehen vier oder fünf große viereckige, eiserne Käfige, aus starken Eisenblechbändern zusammengenietet und ebenfalls mit einem eisernen Boden versehen, zerstreut, und in ihnen befinden sich die verschiedenen Gefangenen. Die Zwischenräume zwischen den Eisenblechstreifen sind aber so weit, daß man überall leicht einen Arm durchstrecken kann, und gewähren dadurch über das Innere einen durch nichts gehemmten Blick. Polizeileute gehen außerdem fortwährend zwischen den verschiedenen Käfigen hin und her, und keiner der Insassen kann sich auch nur bewegen, ohne daß es bemerkt wird. An ein Ausbrechen ist deßhalb nicht zu denken, und ebensowenig können sie durch Feuer Unheil anrichten – das Eisen brennt nicht.

Eines der Zimmer übrigens mit eben solchen, aber nicht verschlossenen Käfigen ist für Obdachlose bestimmt, die selber bei der Polizei Schutz gesucht haben, und gerade an dem Abend hatten sich zwei Frauen mit kleinen Kindern da eingefunden, um hier die Nacht zuzubringen – ja vielleicht auch den andern Tag. Du lieber Gott, es war doch immer ein Schutz gegen Wind und Wetter und wer weiß, welches unsagbare Leid die armen Frauen erst durchgemacht, ehe sie diese letzte Hülfe in der Noth benützten.

Wir hielten uns übrigens nicht sehr lange bei der Besichtigung dieser verschiedenen Gruppen auf, sondern traten unseren Marsch an, der uns in die östlich gelegenen Distrikte der Stadt, oder in das sogenannte Negerviertel führte.

Zuerst besuchten wir hier eine Negerkirche, die sich, wenn auch an einem Wochentage, ziemlich stark besucht zeigte. Besonders ragten die »farbigen« Ladies durch bunten Putz und Schmuck hervor, und es sollte mich gar nicht wundern, wenn sie es schon den »weißen« Ladies abgesehen hätten, nur deßhalb nämlich das Gotteshaus zu besuchen, um dort ihren bunten Plunder zur Schau zu tragen.

Der Geistliche – ein dunkler Mulatte, hielt eine schale, nichtssagende Predigt voll lauter Phrasen und dabei ohne jede Begeisterung oder Wärme und etwa mit einer Betonung auf jedem Wort, als ob er immer hätte sagen wollen: »Nun, hab' ich nicht recht? – ist die ganze Sache nicht sonnenklar, und kann irgend ein vernünftiger Mensch irgend etwas dagegen einzuwenden haben?« – Er blieb dabei auf der sehr breiten Kanzel auch nicht etwa stehen, sondern lief darauf hin und her, sich bald an diesen, bald an jenen Theil seiner Zuhörer wendend. Große Ruhe schien aber nicht beobachtet zu werden, denn fortwährend kamen und gingen Leute, und machten oft Lärmen genug dabei.

Uebrigens stand diese Kirche genau an der Grenze des berüchtigten Viertels, und von dort an begannen schon die einzelnen Buden und Trinklokale, aus denen hie und da der Ton einer einsamen Violine heraustönte. Es herrschte auch jetzt gerade kein rechtes Leben zwischen dieser Menschenklasse, denn der Fluß war zu niedrig, die Dampfboote konnten nicht fahren, und gerade die farbigen Dampfbootleute sind es, die hier ihre Orgien feiern und den schmutzigen Strudel in Bewegung halten.

Wir betraten jetzt einige der Plätze, in denen unten, bei der Beleuchtung eines einzelnen Talglichts, oder einer Petroleumlampe, schnöder Whisky und grauenvolle Cigarren feil gehalten wurden, und nicht einmal mehr geschminkte weiße und schwarze Dirnen, durcheinander gemischt, ihr Glas tranken und ihre Cigarre rauchten. Die Herren von der Polizei hielten sich aber nicht lange in diesen vorderen Räumen auf, denn was hier weilte, brauchte das Licht – wenigstens dieser Nachbarschaft – nicht zu scheuen. Sie wußten auch überall schon genau Bescheid, wohin sie sich zu wenden hatten; bald krochen sie, unmittelbar hinter dem Schenkstand, eine steile Treppe empor, die eher einer Leiter glich, bald wandten sie sich der Hinterthür zu, schritten über einen engen, stockfinsteren Hofraum und überraschten dadurch die Bewohner eines baufälligen, halbverfallenen Hinterhauses.