»Schon gut, mein Bursch,« rief aber der Polizeimann ärgerlich, »kümmere Du Dich um Dich; ich kenne den Platz vielleicht so gut wie Du« – und ohne sich weiter irre machen zu lassen, stieg er im Hof rasch einige in den Grund gestochene Stufen – die bei Regenwetter völlig unpassirbar sein mußten – hinauf und verschwand dann in dem oberen Haus oder vielmehr in der Dunkelheit. Ich muß jedoch gestehen, daß wir Anderen ihm viel vorsichtiger folgten, denn die Warnung mit dem tiefen Loch war an uns nicht so spurlos vorübergegangen. Wir erreichten jedoch glücklich das obere Gebäude, ohne freilich etwas Verdächtiges dort zu finden. Hatte sich irgend Jemand da versteckt gehabt, so war es ihm auch ein Leichtes gewesen, sich aus dem Staub zu machen, denn er brauchte nur über eine der nächsten, niederen Planken zu steigen, um damit schon vollständig aus Sicht und Bereich zu kommen.

In der nächsten Bude fanden wir, neben anderen weiblichen Gästen, eine junge, aber sehr leidend aussehende Frau, die nichtsdestoweniger ein Glas mit Whisky vor sich stehen hatte.

»Und bist Du wirklich hier wieder zurück in das Viertel gekommen, Margot?« sagte der Amerikaner, »hast Du nicht fest versprochen, daß wir Dich hier nicht wieder finden sollten?«

»Ich halte auch mein Versprechen,« sagte die junge Frau finster und leerte dabei das Glas auf einen Zug; »habt keine Furcht, daß Ihr mich hier wieder trefft, denn zum zweiten Mal möchte ich das nicht durchmachen. Nur hereingekommen bin ich, um meine Kiste abzuholen, aber vor einer Viertelstunde kam der Mann erst mit seinem Pferd nach Haus, und jetzt muß ich hier schon noch einmal die Nacht schlafen. Heute bringt er sie mir nicht mehr fort, und wenn ich ihm einen Dollar dafür böte.«

Es war überall das Nämliche: Jammer und Elend, aber nirgends Rauferei oder wüster Lärm, eine sichere Folge der schweren Zeiten. Bei nur geringem Verdienst konnten die Leute die fabelhaft hohen Whiskypreise nicht mehr erschwingen, denn wo sie sonst die Flasche um zehn Cents gehabt, sollten sie jetzt einen Dollar dafür bezahlen – deßhalb auch dieser anscheinend moralische Frieden in dem »schlechten Viertel.«

Auf dem Rückweg nach dem bessern Theil der Stadt sprachen wir noch, der Merkwürdigkeit wegen, in einem echten Negerbillardsaal vor, denn die schwarzen, neugebackenen »Gentlemen« haben sich jetzt eifrig diesem Spiele zugewendet. Der Besitzer desselben schien indessen ebenfalls unter den »schlechten Zeiten« zu leiden, denn wir fanden keinen einzigen Gast mehr in dem elegant genug ausgestatteten Raum, der, eine Treppe hoch gelegen, ein großes, hübsches Billard und einen reich ausgestatteten Schenkstand zeigte. Wir tranken auch dort einmal und ließen uns einige Cigarren geben und fanden beides, Getränk und Tabak, gut und preiswürdig.

Am nächsten Morgen wohnte ich auch einer Gerichtssitzung bei, wo die über Nacht aufgebrachten Vagabonden abgeurtheilt und verschiedene andere Dinge verhandelt wurden. Es war aber die alte, sich ewig wiederholende Geschichte: Trunkene, die in ihrem Rausch Prügeleien angefangen, Frauen, die von ihren Männern mißhandelt worden, und in ihrer Verzweiflung bei den Gerichten Schutz suchten, nichtsnutzige Dirnen, die einander in die Haare gerathen, und würdige dicke Damen, die Hüte mit allen möglichen seidenen Bändern und Blumen besteckt, die bezüchtigt waren, ein lüderliches Haus zu halten, das durch seinen ewigen Lärm die Nachbarschaft ununterbrochen störte. Es that Einem dann ordentlich in der Seele wohl, die gerechte Entrüstung zu sehen, mit welcher sie eine solche Verdächtigung von sich wiesen, und die Resignation zugleich, mit der sie sich zu fünfzig Dollars Strafe oder auch sechs Monat Gefängniß verurtheilen ließen. Ueberhaupt fiel mir auf, daß die Strafen von einem alten, sehr ruhigen Herrn, besonders für Straßenunfug, außerordentlich streng und unerbittlich diktirt wurden. Sechs bis zehn Monat Arbeitshaus kamen in den paar Stunden für gewöhnlichen Unfug mehrere Male vor, aber es mag auch unumgänglich nöthig sein, denn wenn man nur in die von Verbrechen und allen bösen Leidenschaften gefurchten Züge dieser Menschenklasse schaut, so kann man sich nicht verhehlen, daß sie eine leichte Strafe nur verspotten würden. Selbst diese kann sie nicht heilen, sondern entzieht sie nur für kurze Zeit ihrem lüderlichen und wüsten Leben, das sie, wenn wieder freigegeben, doch augenblicklich von Neuem beginnen.

Ein höchst interessanter Fall kam an dem Morgen vor, leider aber nicht zur Entscheidung, und zwar ein junges, der Brandstiftung beschuldigtes Mädchen. In der Nachbarschaft waren, bald hintereinander in unerklärlicher Weise, mehrere Brände ausgebrochen, und das halbe Kind, denn sie konnte kaum dreizehn Jahre zählen, wurde beschuldigt, das Feuer an allen diesen Stellen angelegt, ja es sogar gegen Einen der Zeugen gestanden zu haben. Aber keiner von Allen klagte sie an, die That böswillig verübt zu haben, denn dazu lag nicht der geringste Grund vor, der dagegen in einer Art von Wahnsinn, in einer Krankheit, gesucht werden sollte, die sie zwang, überall Feuer anzulegen, um sich nachher an der Gluth zu freuen.

Sie selber saß gebückt auf der Anklagebank, und das große Bonnet, das sie trug, beschattete ihre, nur selten sichtbaren Züge. Ihr Advokat saß an ihrer Seite, flüsterte nur manchmal mit ihr, und behauptete ihre Unschuld. Sie selber sprach fast gar nicht, nur wenn er sich mit einer Frage leise an sie wandte, schien sie mit ein paar ganz kurzen Worten zu erwiedern. Die gegen sie vorgebrachten Verdachtgründe reichten indessen noch lange nicht hin, sie zu verurtheilen – wirkliche Beweise waren gar nicht vorhanden, und der Fall mußte deshalb auf einige Zeit hinausgeschoben werden, um beiden Theilen Gelegenheit zu geben, sich zu Anklage wie Vertheidigung zu rüsten.

Leider verließ ich schon vor der Zeit Cincinnati.