Frank lachte. »Mit Deinem Starrkopf ist doch Nichts anzufangen, so habe Deinen Willen. Uebrigens bin ich wirklich neugierig was der Major dazu sagt« – und dem Freund die Hand drückend, stieg er wieder die Treppe hinab um seinen eigenen Geschäften nachzugehen.
Drittes Kapitel.
Die erste Sitzung.
Ernst konnte die ganze Nacht kein Auge schließen, denn in seinem Herzen war ein Verdacht rege geworden, daß Clemence selber die Aufforderung an ihn, ihres Vaters Haus zu besuchen, veranlaßt haben müsse. Die Möglichkeit lag doch nicht soweit ab, daß sie ihn erkannt haben konnte. Sie war vielleicht an ihm vorüber gefahren, ohne daß er sie bemerkte, denn er achtete nie auf Equipagen, und leicht genug konnte sie dann von der Dienerschaft seinen Namen erfahren haben. Welche Seligkeit erfüllte ihn aber, wenn er die Möglichkeit – ja die Wahrscheinlichkeit eines solchen Glückes überdachte, denn wie wäre dieser Major gerade auf ihn gefallen, da es doch viele ältere und berühmtere Portraitmaler in der Stadt gab; es ließ sich nicht anders denken. Vielleicht hatte ihn Clemence doch noch nicht ganz vergessen, trug nur ungeduldig den ihr auferlegten Zwang und suchte Mittel und Wege ihm selber eine Annäherung zu ermöglichen. Frauen sind schlau; er durfte sich ruhig auf sie verlassen, sie würde es schon einzurichten wissen.
Und was dann? wenn er nun wirklich fand, daß die Verbindung mit dem Major eine erzwungene gewesen wäre, wenn sie sich dagegen sträubte? – Aber das Alles konnte er nicht jetzt überdenken, nicht in einem Augenblick, wo ihm das Blut wie Feuer durch die Adern rollte. Das mußte auch erst der Moment bringen, in welchem sich seine Träume zu wirklichem Leben gestalteten. Das allein konnte entscheiden wie er zu handeln habe, und was dann kam, ei dem wollte er auch keck und muthig die Stirn bieten. Nur dem Muthigen lächelt ja das Glück.
Mit diesem Vorsatz schlief er ein, erwachte aber am nächsten Morgen in einer ganz anderen, und viel ruhigeren Stimmung, denn es ist eine allbekannte Thatsache, daß Abends unsere Nerven viel aufgeregter und wir gewöhnlich geneigt sind, Schwierigkeiten, besonders in Herzensangelegenheiten, gar nicht anzuerkennen, während der Morgen die kaltblütige Ueberlegung und gewöhnlich ganz andere Resultate mit sich bringt.
Das Herz pochte ihm allerdings lebhaft, als er jetzt an das Zusammentreffen mit Clemence dachte, aber er fing an, die Sache in einem anderen Licht zu betrachten. Die Aufforderung des Majors konnte allerdings recht gut ein Zufall sein, und das junge Mädchen? – wie flüchtig – wie kurze Zeit nur hatte sie ihn damals in den Alpen gesehen, und war es denkbar, daß sie sich seiner Züge da noch erinnern sollte? hatte sie nicht vielleicht die ganze unbedeutende Begegnung mit ihm schon lange vergessen?
Er war wieder recht verzagt geworden, hatte aber auch nicht die geringste Lust zum Arbeiten und beschloß deshalb, langsam und in aller Ruhe seine Vorbereitungen zu der heutigen Sitzung zu treffen. Für diesmal brauchte er ja doch nur ein kleines Stück Leinwand, auf dem er die Skizze entwerfen konnte, um vor der Hand einmal die Stellung festzuhalten. Die Größe des Bildes mußte erst besprochen und festgestellt werden und manches Andere blieb dabei zu thun. Die Zeit verflog ihm dabei ungemein rasch, und es war elf Uhr geworden, bis er alles Nöthige – oder wenigstens was er für nöthig hielt, beendet hatte. Dann zog er sich an, rief einen Packträger von der Straße herauf, um ihn mit den nöthigen Utensilien zu begleiten und schritt nun fest und entschlossen, aber doch mit starkem Herzklopfen, dem Joulard'schen Palais entgegen, als ob er nicht beordert wäre nur ein Portrait zu beginnen, sondern als ob sein eigenes Schicksal sich gleich endgültig entscheiden müsse.
Er hatte das Joulard'sche Haus bald erreicht, aber hier beengte ihn der Glanz und die Pracht, die ihn umgab. Die Halle schon war mit Marmor ausgelegt – prächtige Statuen verzierten sie, kostbare Topfgewächse standen auf der mit einem reichen Teppich belegten Treppe und galonnirte Diener schlenderten müssig auf und ab.
Trautenau fühlte sich beklommen, als er, durch einen der Lakaien, der dem Träger seine Last abnahm, geleitet, die Treppe hinaufstieg, und das besserte sich nicht, als er in ein kleines reizendes Boudoir geführt und dort allein gelassen wurde.
Hier athmete Clemence; wie lieb, wie wunderbar reizend das Alles aussah, aber auch wie reich, wie ausgesucht, fast übertrieben prachtvoll. Wäre er ruhig und unbefangen gewesen, so würde das Gemach eher einen unangenehmen als günstigen Eindruck auf ihn gemacht haben, denn es war von Gegenständen überladen, die eine Zimmerzierde sein sollen, aber nie eine Zimmerlast werden dürfen. Die breiten goldenen Rahmen an den Wänden standen in keinem Verhältniß zu der Größe der Bilder, welche sie umschlossen, und das war mit allem Uebrigen der Fall. Marmor- und Bronze-Statuen und Statuetten drängten sich einander. Die schweren, mit Spitzen überwallten Seidengardinen wurden von goldenen Troddeln entstellt, prachtvoll eingelegte Möbeln rückten zu nahe aneinander und brachten eher ein Gefühl der Beengung als des Behagens hervor; der mit den seltensten Pflanzen gezierte Blumentisch war sogar so gestellt, daß er keine freie Bewegung in dem Raum gestattete. Sonderbarer Weise hing dazwischen auch eine Anzahl vergoldeter Bauer mit unseren heimischen Sängern herab, mit Finken, Nachtigallen und anderen, und auf einem gestickten Polster lag ein kleines silberweißes Wachtelhündchen und knurrte leise vor sich hin, als Trautenau das Heiligthum betrat, hielt es aber sonst nicht der Mühe werth, sich auch nur zu rühren.