Trautenau überflog das Ganze mit einem Blick, aber er sah auch, daß dieses Boudoir zugleich das kleine Atelier der jungen Dame bildete, denn ein mächtiges, mit einer einzigen großen Scheibe versehenes Fenster sah nach Norden hinaus und neben dem Blumentisch stand noch, von zwei Stühlen gehalten, eine Mahagoni-Staffelei, von der unser junger Freund allerdings nicht recht begriff, wie es möglich sein würde, sie hier in dem engen Raum aufzustellen.
Ehe er aber darüber ganz mit sich im Reinen war, hörte er plötzlich ein seidenes Kleid rauschen, die eine Thür wurde nur durch einen purpurdamastenen Vorhang verdeckt, dieser schob sich zurück, und wie er sich rasch dorthin wandte, stand er einem Wesen gegenüber, das ihm mehr dem Himmel als der Erde anzugehören schien.
Es war Clemence, – aber nicht mehr das junge schüchterne Mädchen aus den Alpen, das sich, Hülfe und Schutz suchend, an seinen Arm schmiegte. Wie eine Prinzessin schwebte sie herein, ein weißes Seidenkleid vom schwersten Stoff und mit Goldfäden durchwirkt, umschloß ihre schlanke, junonische Gestalt. Voll und schwer hingen ihr die dunklen Locken an den Schläfen nieder, ihren weißen Hals deckte ein Collier blitzender Brillanten, aber ihre beiden Augensterne überstrahlten sie alle, und wie sie mit königlichem Anstand vor dem jungen Manne stehen blieb und ihn mit diesen Augen ansah, war es, als ob ihr Feuer bis in seine innerste Seele drang. Er wurde über und über roth und stand so verlegen vor der Jungfrau, daß diese ein leichtes Lächeln kaum unterdrücken konnte. Aber sie schien nicht böse über den Eindruck, den sie auf ihn hervorbrachte, und sagte freundlich:
»Herr Trautenau, Sie haben Ihre Zeit pünktlich eingehalten und ich möchte Sie jetzt bitten Ihre Anordnungen hier in meinem kleinen Atelier zu treffen – Künstler folgen dabei am Liebsten ihrer eigenen Neigung. Das Licht ist, wie Sie sehen vortrefflich, und nur der Raum vielleicht ein wenig beschränkt, doch werden wir uns ja wohl einrichten.«
Trautenau bemerkte jetzt erst, daß eine andere Dame der Tochter des Hauses gefolgt war, von dieser freilich, in ihrem ganzen Wesen so verschieden wie Tag und Nacht – wie Sonnenstrahl und Kerzenschein.
Die Begleiterin entwickelte sich als eine kleine dicke Person mit einem Kropf, in einem schwarzseidenen, aber schon lange getragenen Kleid, und mit einer wunderlichen Coiffüre von grellrothen und gelben Blumen auf dem Kopf. Trautenau warf einen erstaunten Blick nach ihr hinüber, konnte aber nicht klug aus ihr werden, was sie vorstelle. Clemencens Mutter, Madame Joulard? – Diese war, so viel er gehört schon vor längerer Zeit gestorben. – Eine Gesellschafterin? Clemence würde sich sicherlich eine andere Persönlichkeit dazu ausgesucht haben, und eine Gouvernante brauchte sie ebenfalls nicht mehr. Vielleicht eine Duenna? Aber es blieb ihm keine Zeit, der Persönlichkeit eine weitere Aufmerksamkeit zu schenken, denn Clemence selber verlangte diese, und er ärgerte sich auch, daß er ihr gar so schülerhaft gegenüber stand.
»Wenn Sie mir erlauben, mein gnädiges Fräulein,« sagte er zu Clemence, »so will ich die Staffelei hier herüber stellen – an diesem Platz werden wir, glaub' ich, das beste Licht haben.«
»Wie Sie es für gut halten.«
»Aber die Symmetrie wird gestört, wenn der Blumentisch dort hinüber kommt,« bemerkte die Dame mit dem Kropf.
»Die Symmetrie wird durch Manches gestört, gnädige Frau,« entgegnete Trautenau, durch den albernen Einwurf geärgert, »was sich im Leben nun einmal nicht ändern läßt.«