Sechs Tage hatte Trautenau jetzt an seinem Bild gearbeitet und sich dabei mit immer wachsender Leidenschaft in die tadellos schönen Züge und Formen des jungen Mädchens versenkt, ohne es aber zu wagen, ihr die frühere Begegnung in's Gedächtniß zurückzurufen. Clemence war allerdings immer freundlich gegen ihn, aber nur mit jener höflichen Freundlichkeit, die wohl zuvorkommend erscheint, aber zugleich jedes vertrauliche Entgegenkommen mit einem kalten Lächeln zurückweist und dadurch unnahbar wird.
Auch ihren Vater hatte er in der ganzen Zeit nicht wieder gesehen und nicht ein einziges Mal den Major, der jedenfalls andere Besuchstunden haben mußte. Einmal wurde er allerdings gemeldet, während Trautenau arbeitete, Clemence ließ ihm aber, ohne sich nur im Mindesten aus ihrer Stellung zu rühren, sagen, sie bedaure sehr, jetzt keine Zeit zu haben, und bäte den Major, um halb zwei Uhr wieder vorzusprechen.
Das Bild war jetzt soweit in seiner Anlage und besonders in der Ausführung des Kopfes vorgerückt, daß man schon recht gut ein Urtheil darüber fällen konnte.
Der Dame in dem alten schwarzseidenen Kleid fing aber nachgerade die Geschichte an langweilig zu werden. Sie wußte, daß sie eigentlich nur Anstands halber da saß und benutzte gelegentlich die Zeit, um einen kleinen Morgenschlaf zu halten, in dem sie dann auch Niemand störte. Sie selber genirte das aber am meisten, sie schämte sich, wenn sie wieder aufwachte und es war in den letzten Tagen schon einige Male vorgekommen, daß sie aufstand, das Zimmer verließ und dann wahrscheinlich irgendwo ein wenig auf und ab ging, nur um wieder munter zu werden.
Clemence hielt dabei nicht mehr so pünktlich ihre Stunde ein; es mochte ihr wohl selber daran liegen, das Bild fertig zu bekommen und es wurde jetzt immer, sehr zum Leidwesen der Mademoiselle, ein Viertel nach Eins, auch wohl halb zwei Uhr, ehe sie das Zeichen zum Aufhören gab.
Heute war Clemence in einer kleinen Pause vor die Staffelei getreten, um selber dem Untermalen des Bouquets zuzusehen. Man hatte allerdings in dieser Jahreszeit keine wirklichen Alpenrosen beschaffen können, aber dafür künstlich gemachte von Paris verschrieben und die Farben zeigten sich lebendig genug.
»Lieben Sie die Alpenblumen, gnädiges Fräulein,« begann Trautenau, der jetzt nicht mehr länger schweigen konnte, denn die Gelegenheit bot sich ihm zu günstig dar.
»Gewiß liebe ich sie,« erwiederte Clemence, »sie haben freilich keinen Duft, aber so wunderbar schöne Farben. Wie herrlich ist allein das Laub der Alpenrosen.«
»Und erinnern Sie sich noch gern jener Zeit, in welcher Sie in den freien Bergen umherstreiften?«
»Sehr gern.«