Dieser hörte indessen, wie ihm sein Herz in der Brust schlug, die Mademoiselle schlief sanft – seine Hand zitterte so, daß er mit dem Malen inne halten mußte.
»Seit der Zeit,« fuhr er leise und bewegt fort, »ist es immer mein sehnlichster Wunsch gewesen, Ihnen wieder einmal nahen zu dürfen.«
»Der Wunsch war so bescheiden,« meinte Clemence lächelnd, »daß der Himmel ihn erfüllt hat. Nicht wahr, Mademoiselle,« setzte sie mit lauterer Stimme hinzu.
»Ja wohl – ja wohl – gewiß,« erwiederte die sanft ruhende Dame, aus ihrem Schlummer emporfahrend, »nur ein Bischen zu weiß ist das Kleid.«
»Wir sprachen gestern darüber, ehe Sie kamen,« fuhr Clemence fort, »finden Sie nicht auch, daß das Kleid ein wenig zu weiß ist? Mir kommt es vor, als ob das meinige einen mehr gelblichen Schimmer hat.«
»Es ist das Licht jenes gelben Vorhanges, der, wenn Sie hier stehen, darauf fällt,« antwortete Trautenau, und fühlte recht gut, daß sie absichtlich und fast gewaltsam dem Gespräch eine andere Richtung gegeben hatte; Mademoiselle war auch jetzt vollständig munter geworden und an eine Wiederaufnahme desselben nicht zu denken. Clemence brach aber gleich darauf die Sitzung ab. Sie hatte Kopfschmerzen bekommen, wie sie sagte, und wollte lieber morgen eine Viertelstunde nachholen.
Damit ging der Maler, er hatte keinen Vorwand mehr zu bleiben, aber er trug das beunruhigende Gefühl mit sich fort, weiter von seinem Ziele zu sein, als je, denn war es nicht augenscheinlich, daß Clemence beinahe ängstlich gesucht hatte die Unterredung abzubrechen? Fürchtete sie etwa deren Fortsetzung? dann wäre ihm noch eine Hoffnung geblieben. Oder war das Gespräch ihr nur lästig geworden? dann freilich durfte er Alles verloren geben.
In den nächsten Tagen zeigte sich auch nicht die geringste Gelegenheit das Gespräch wieder aufzunehmen. Clemence vermied jede Möglichkeit, um einer derartigen Unterhaltung den kleinsten Anknüpfungspunkt zu geben und Mademoiselle hielt ihre sonst so schläfrigen Augen fast krampfhaft offen. – Dann kam eine lange Pause – Ernst hatte das noch nicht beendete Bild nach Hause geschickt bekommen, um es, so weit es ohne das Original möglich war, auszuführen, und sich dann nur noch zwei Sitzungen erbeten, um es vollständig zu beenden.
Darüber waren mehre Wochen vergangen und in dieser Zeit durchliefen wunderliche Gerüchte über den Major die Stadt, die aber sein Verhältniß im Hause des reichen Joulard nicht zu stören schienen.
Von einer Seite wurde nämlich ausgesprengt, daß er eine sehr bedeutende Erbschaft gemacht habe – Thatsache war nur, daß er in den letzten Wochen viel mehr verausgabte, als seine monatliche Gage ausmachte – von anderer Seite hieß es, daß er seinen Abschied nehmen wolle – weshalb? wußte freilich Niemand zu sagen und die natürlichste Erklärung blieb dann immer, daß er, mit eigenem Vermögen und als Schwiegersohn des reichsten Mannes in der Stadt, die ewigen Scherereien des Dienstes satt bekommen und ein unabhängiger Mann zu werden wünschte. Es wäre jedenfalls thöricht gewesen, da noch länger Soldat zu bleiben. – Einige wollten aber behaupten, er müsse den Abschied nehmen, und es gab in der That eine Menge Leute in der Stadt, die da wissen wollten: der Major sei ein von Grund aus ruinirter Patron, der sich nur noch durch seinen altadeligen Namen halte, und nächstens einmal mit seinem ganzen Lug- und Truggewebe zusammenbrechen müsse. Diese begriffen dann freilich nicht, wie ein Mann wie Joulard ihm die Hand seines einzigen Kindes geben könne. Hatte er aber wirklich so viel Schulden, als einzelne behaupten wollten, so zahlte natürlich Joulard Alles, und des Majors Credit in der Stadt blieb deshalb auch, trotz aller Gerüchte, ein völlig unbeschränkter.