Trautenau allein vielleicht quälte sich um die Braut. Er fühlte selber, daß die Hoffnung, sie für sich zu gewinnen, eine wahnsinnige sei, aber er hielt es für seine Pflicht, vor ihr das nicht als ein Geheimniß zu bewahren, was die Stadt erfüllte, und was sie selbst als die künftige Gattin jenes Mannes am nächsten betraf. Er hatte es jetzt noch in seiner Hand, mit ihr zu reden, und hätte sich später die bittersten Vorwürfe machen müssen, wenn er da geschwiegen hätte, wo er durch eine freundliche Warnung vielleicht Elend und Jammer von einem theuren Haupt abwenden konnte.

Das Bild stand wieder im Boudoir von Clemence; er hatte noch höchstens zwei Tage zu malen, um es zu vollenden; aber der erste verging, ohne daß er im Stand gewesen wäre, seine Absicht auszuführen. Immer, wenn ihm schon das Wort auf den Lippen schwebte, fehlte ihm der Muth, und dann kam der Vater mit einem Paar alter Damen zu ihnen, um mit diesen das beinahe fertige Bild, das sich wirklich als vortrefflich gelungen zeigte, zu bewundern. Eine vertrauliche Unterhaltung war deshalb unmöglich geworden.

»Aber Sie haben ja noch etwas vergessen,« sagte da der alte Herr, indem er mit fast zugekniffenen Augen vor dem Gemälde stand, »daneben, auf dem Ofenschirm, fehlt ja noch der Chinese – das sieht zu leer aus. Soll der nicht hinein?«

»Doch,« entgegnete Trautenau, »aber erst morgen. Ich möchte heute das Bild soweit beenden, daß ich morgen das gnädige Fräulein gar nicht mehr, oder doch nur sehr wenig zu bemühen brauche. Die Herrschaften entschuldigen mich wohl, wenn ich wieder an meine Arbeit gehe – die Farben werden mir sonst trocken.«

Der Besuch war ihm lästig geworden und er suchte ihn zu entfernen, denn es war doch sehr zweifelhaft, ob er morgen, am letzten Tage, eine bessere Gelegenheit haben würde, mit Clemence zu sprechen. Aber es gelang ihm nicht. Den beiden alten Damen war es etwas Neues, einen Maler arbeiten zu sehen und sie wichen hartnäckig nicht von der Stelle bis die Zeit verstrichen war. Dann rauschten sie fort und Clemence verließ mit ihnen das Gemach.

Der nächste Tag kam; Trautenau hatte die ganze Nacht gekämpft und der Morgen fand ihn entschlossen, heute sich durch Nichts von seinem Plan abschrecken zu lassen und selbst in Gegenwart der schrecklichen Mademoiselle, wenn es denn nicht anders geschehen konnte, mit Clemence über seine Besorgnisse zu sprechen. Er mußte die Last von seinem Gemüth herunterwälzen – mußte mit sich selber ins Klare kommen, und das geschah am besten, wenn er sah, wie sich Clemence bei dem, was sie über ihren Verlobten hörte, benehmen würde. Erschrak sie – wurde sie bleich – aber was half es, sich jetzt schon darüber einen Plan zu machen. Das mußte der Augenblick bringen und dem Augenblick überließ er darum Alles.

Uebrigens fand er zu seinem Schrecken, als er dieses letzte Mal das Boudoir der jungen Dame betrat, diese nicht, wie er erwartet hatte und wie es bis jetzt immer der Fall gewesen, mit ihrer Begleiterin allein, sondern schon eine kleine Gesellschaft um das so gut wie beendete Bild versammelt. In dieser aber bemerkte er auch den Major, den er seit jenem Morgen nicht wiedergesehen hatte und der ihn jetzt mit Lobeserhebungen überschüttete. Er konnte gar nicht aufhören, die Aehnlichkeit sowohl, wie die künstlerische Auffassung des Bildes zu preisen.

»Aber wissen Sie wohl, mein verehrter Herr,« brach er plötzlich ab, »daß Sie noch in meiner Schuld sind? Der versprochenen Copie wegen, mein' ich nämlich. – Denken Sie sich, lieber Joulard, denken Sie sich, meine Damen, der Herr hat in seinem eigenen Atelier daheim den Teufel an die Wand gemalt, und einen so pompösen, humoristischen Teufel, wie ich ihn in meinem ganzen Leben nicht gesehen habe.«

Eine alte Generalin schüttelte darüber sehr bedenklich den Kopf und bemerkte sehr ernsthaft:

»Das ist sündhaft, mein lieber Herr, nehmen Sie mir das nicht übel. Das heißt Gott versuchen und den Bösen locken, denn wenn Sie ihm eine solche Einladungskarte geben, kommt er, darauf können Sie sich fest verlassen – er kommt gewiß.«