»Ach, Mademoiselle, wenn ich Sie bitten dürfte, im blauen Zimmer, wo meine kleine Bibliothek steht, finden Sie das Buch der Lieder von Heine; dürfte ich Sie ersuchen, es mir zu holen. Es muß im dritten oder vierten Fach stehen.«
Mademoiselle seufzte; sie hatte fast den ganzen Morgen gestanden und sich eben erst recht bequem hingesetzt. Jetzt mußte sie wieder in die Höhe, aber es half Nichts: sie konnte den Dienst nicht verweigern, da keiner der Diener das Buch gefunden hätte.
Des Malers Herz klopfte heftig. Hatte Clemence selber die lästige Zeugin entfernt, um mit ihm allein zu sein? dann durfte er auch nicht blöde den günstigen Moment versäumen, er konnte nie wiederkehren, denn heute war seine Arbeit hier im Hause beendet. – Aber sein Entschluß sollte ihm erleichtert werden, denn kaum hatte sich die Thür hinter den Davongehenden geschlossen, als das junge Mädchen zu der Staffelei trat und den jungen Maler fest anblickend auf die Figur des Ofenschirms deutete und fragte:
»Wessen Portrait ist das, mein Herr?«
»Und muß es ein Portrait sein, mein gnädiges Fräulein,« rief Trautenau über den entschiedenen, fast harten Ton der Stimme frappirt.
»Sie leugnen also eine absichtliche Aehnlichkeit?«
»Nein,« sagte der Maler, denn er fühlte, daß der entscheidende Moment gekommen sei. »Wenn auch keine Aehnlichkeit, wollte ich doch eine Charakteristik geben.«
»Eine Charakteristik,« sagte Clemence erstaunt –, »wie verstehe ich das?«
»Ich will deutlich reden, denn nicht die Minuten, nein die Secunden sind mir zugezählt. Fräulein, von dem ersten Moment an, wo ich Sie sah, zog mich ein Etwas zu Ihnen hin, dem ich keinen Namen geben konnte.«
»Mein Herr!« rief Clemence, einen Schritt zurücktretend.