Trautenau beeilte sich jetzt wirklich mit der unbedeutenden Arbeit, die er rasch vollendete und erst als sich Clemence bereit zeigte das Zimmer zu verlassen, sagte er herzlich und einfach:
»Mein gnädiges Fräulein, ich weiß nicht, ob ich jetzt, da ich das Letzte an dem Bild in meinem eigenen Atelier beenden muß, noch einmal die Ehre haben werde, Sie vor Ihrer Verheirathung zu sehen. Lassen Sie mich, der ich so manche glückliche Stunde hier verlebte, nicht so kalt und förmlich von Ihnen Abschied nehmen. Reichen Sie mir Ihre Hand.«
Er streckte ihr die seine treuherzig entgegen, und während die Mademoiselle über dieses sonderbare und außergewöhnliche Verlangen große Augen machte, zögerte Clemence, der Bitte zu willfahren. Aber sie mochte es auch nicht verweigern; schüchtern reichte sie ihm die äußersten Fingerspitzen. Der Maler nahm sie, hob sie leicht an die Lippen und flüsterte dann: »Gott gebe, daß diese Hand sich nur zum Glück in die eines Mannes lege. Seien Sie glücklich –« und seinen Hut aufgreifend, ohne die Mademoiselle weiter zu beachten, verließ er rasch das Zimmer.
Fünftes Capitel.
Zerronnen.
Ernst Trautenau war in einer recht trüben Stimmung nach Hause gekommen und diese wurde nicht gebessert als sein Auge auf das karrikirte Bild des Majors fiel, dessen grinsende Züge sich über ihn lustig zu machen schienen. Eine ganze Weile ging er auch mit verschränkten Armen in seinem Zimmer auf und ab, und in Trotz und Aerger fuhr sein Blick wohl manchmal nach der verhaßten Gestalt hinüber, ja es war als ob er mit einem finsteren Entschluß ringe. Aber was konnte, was durfte er Anderes thun als der Sache eben ihren Lauf lassen? Er hatte ja mit Clemence gesprochen und sie gewarnt und sie ihn auch genau genug verstanden, aber auch höflich zwar, doch kalt abgewiesen. Damit schien Alles erschöpft was ihn hätte veranlassen können weiter vorzugehen, ja des jungen Mädchens ganzes Benehmen zeigte deutlich, daß sie glaubte, er sei schon zu weit gegangen.
Und was sollte er jetzt thun? Er hätte sich gern mit Frank ausgesprochen, denn er wußte, daß der es treu mit ihm meine, Frank war aber seit einigen Tagen verreist und wurde in der nächsten Zeit nicht wieder zurück erwartet; so blieb ihm Nichts übrig, als Alles was ihn quälte, in der eigenen Brust zu verschließen.
Er war dadurch fast menschenscheu geworden, und als er Clemencens Bild, um es jetzt in seinem eigenen Atelier zu beenden, wieder in das Haus geschickt bekam, schloß er sich volle acht Tage damit ein, verkehrte mit Niemandem, antwortete auf kein Klopfen, und grub sich den Pfeil, diesem geliebten Zeugen gegenüber nur noch immer tiefer in die Brust. Ja er fand einen süßen Schmerz für sich darin, eine kleine Copie davon zurückzubehalten, er hätte sich ja sonst nicht von dem Bilde trennen können.
Endlich hatte er es fertig und es war abgeliefert worden. In der ganzen Zeit hörte er auch nichts von Joulard – er wollte nichts hören, bis er eines Morgens ein Schreiben des alten Herrn selber erhielt, in welchem dieser ihm mit wenigen Worten für das »sehr gelungene Gemälde« dankte, und ein Honorar beifügte, das Trautenau nie gewagt haben würde, so hoch zu fordern. Aus dem Couvert fiel aber auch noch eine kleine Karte zu Boden, die er vorher nicht bemerkt hatte. Er hob sie auf, es standen mit äußerst feiner zierlicher Schrift nur die beiden Namen darauf:
Major Kuno von Reuhenfels zu Berg,
Clemence von Reuhenfels zu Berg,
née Joulard.
Es war geschehen, die Hochzeit hatte, ohne daß er in seiner Abgeschlossenheit etwas davon gehört, stattgefunden und Clemence selber seine Warnung verachtet. Die Folgen kamen jetzt über sie.