Nun litt es ihn aber auch nicht mehr in der Stadt, er mußte fort. Um der Form zu genügen, schrieb er ein paar Zeilen an Herrn Joulard, worin er ihm den richtigen Empfang des Honorars dankend anzeigte und zugleich seine Glückwünsche für das jung verehelichte Paar beilegte. Dann ließ er noch einen Brief für Frank zurück, wenn dieser etwa wiederkehren sollte, packte seinen kleinen Koffer und seine Malergeräthschaften zusammen und verließ M–, um sich nach dem Süden – nach Italien, dem Paradies der Künstler, zu wenden.
Dort blieb er weit über zwei Jahre und vertiefte sich so vollkommen in seine Arbeiten, daß er von Deutschland wenig oder gar nichts hörte. Ja, er mied es sogar, Kunde von dort zu erhalten. Nur die Erinnerung wachte und bohrte noch in ihm. Clemencens Bild verließ ihn keinen Augenblick und ihre lieben Züge gab er manchem seiner Bilder, wie er denn auch die Züge des Majors nicht vergessen hatte.
Eines seiner Gemälde machte Aufsehen. Es war eine Scene aus der früheren italienischen Geschichte, wo Seeräuber von der afrikanischen Küste sich manchmal keck an die Ufer dieses Landes wagten, ihre Schaaren an den Strand warfen und von Menschen und Gütern raubten, an was sie in aller Schnelle die Hand legen konnten. Das Bild stellte den Moment vor, wie die Räuber wieder, während ein Theil von ihnen das andringende Landvolk zurücktreibt, mit der gemachten Beute fliehen, und den Mittelpunkt desselben bildete eine, mit furchtbarer Wahrheit ausgeführte Gruppe, in welcher der Capitain der Räuber ein junges bildschönes Mädchen, das sich aber in rasender Leidenschaft gegen ihn sträubt, zu dem nur noch wenige Schritte entfernt liegenden Boot hinunter schleppt.
Es braucht wohl nicht erwähnt zu werden, daß die Geraubte Clemencens Züge trug, während der Capitain dem verhaßten Major glich.
Gerade durch dies Gemälde aber, und daß er sich so lebendig wieder mit den alten besser begrabenen Erinnerungen beschäftigte, erwachte in ihm die Sehnsucht nach der Heimath stärker als je. – Clemence? – er wußte recht gut, daß er mit keiner Faser seines Herzens mehr an sie denken durfte, aber er wollte doch wenigstens in ihre Nähe zurückkehren. Er mußte sie noch einmal sehen, er mußte hören, daß es ihr gut gehe, daß sie sich glücklich fühle, und dann? Ei, dann hatte er weite Reisepläne vor. Er war noch jung, und die Welt lag vor ihm mit all ihren ungemessenen Schätzen.
Einmal mit dem Entschluß erst im Reinen, führte er ihn auch bald aus. Seine Gemälde hatte er fast alle auf Bestellung gemacht; für das letzte wurde ihm ein bedeutender Preis geboten; er nahm ihn an, und schon in der nächsten Woche trat er den Rückweg nach Deutschland an.
Als er M– erreichte, fuhr er vom Bahnhof in einer offenen Droschke durch die Stadt nach einem dem Kutscher bezeichneten Hôtel. Er wußte, daß er auf dem Weg Joulard's Palais passiren mußte und wenn er sich auch keine Hoffnung machte, Clemence dort zu sehen, wollte er doch wenigstens einen Blick nach ihren Fenstern werfen.
Dort lag das stattliche Gebäude vor ihm, aber er schrak fast zusammen, als er die Veränderung bemerkte, die mit demselben in der kurzen Zeit vorgegangen war.
Das war nicht mehr das Haus eines reichen Privatmannes, denn die Industrie hatte sich seiner bemächtigt, und große Schilder beklebten, entstellten es von oben bis unten. Die Parterrelokale waren parcellirt und zu eleganten Verkaufsräumen hergerichtet worden – in der ersten Etage hatte sich ein großes Spitzenlager von Aaron Hamburger etablirt, dessen riesiger Name fast die ganze Front einnahm, und oben war in der zweiten Etage eine Thür ausgebrochen und ein Krahnbalken eingeschoben worden, um dorthin Waaren gleich von der Straße aus, hinaufzuwinden.
»Hat denn Herr Joulard dies Haus verkauft?« frug Trautenau unwillkürlich den Kutscher; dieser zuckte aber mit den Achseln und erwiederte: