Mit ihren Mappen wanderten sie von Bingen zuerst durch die Berge hinüber bis Bacharach, in dessen Nachbarschaft sie sich eine Zeitlang aufhielten, dann kreuzten sie hinüber nach dem Lurleifelsen und nach St. Goarshausen, bis sie sich in St. Goar eine Zeitlang festsetzten, und dann langsam sich wieder am rechten Rheinufer bis zu der reizenden Mündung der Lahn hinunterzogen. Es war ein vollkommen zielloses Umherstreifen, aber deshalb gerade so anziehend, weil es ihnen auch keine Stunde im Tag einen Zwang auferlegte, und ihre Mappen und Skizzenbücher bereicherten sie dabei ungemein.

So hatten sie vier volle Wochen glücklich verlebt, als Frank zuerst an den Heimweg dachte, da er nach M– zurückkehren mußte, um einige versprochene Arbeiten in Angriff zu nehmen. Trautenau beabsichtigte noch nach Köln hinunter zu gehen und sich dort einige Zeit aufzuhalten. Er wollte sich aber wenigstens nicht so lange von dem Freund trennen, als dieser noch den Rhein bereiste und beschloß, ihn deshalb bis Mainz oder Castell zu begleiten und dann die schöne Fahrt wieder stromab bis Köln zu machen.

Aber auch diese Rückfahrt übereilten sie nicht, denn auf eine Woche kam es dabei nicht an, und manchen hübschen Punkt, den sie auf der Niederfahrt übergangen, berührten sie jetzt und holten das damals Versäumte ein.

So kamen sie auch nach Bieberich, und Frank, der noch nie eine Spielbank gesehen hatte, zeigte Lust einmal auf ein paar Stunden nach Wiesbaden hinüber zu fahren. Ernst natürlich schloß sich ihm an und da der Abend schon dämmerte, beschlossen sie, die Nacht dort zu bleiben und dann mit dem Frühzug, der Eine wieder in das innere Land zurück zu kehren, der Andere seine Reise nach Köln fortzusetzen.

Das war ein reges Leben in dem Ort, denn Wiesbaden kann wohl als das Paradies der Spielhöllen betrachtet werden. Die Promenaden waren dicht gedrängt voll geputzter Menschen und in den prachtvollen Spielsalons preßte sich um die grünen Tische Kopf an Kopf, so daß man nicht einmal in ihre Nähe gelangen konnte.

Allerdings standen dort auch eine Menge von Neugierigen umher, die nur eben sehen wollten was gesetzt wurde und wer es gewann. Die Meisten ließen sich aber doch – hier und da durch einen augenblicklichen Erfolg einzelner Spieler angelockt – verleiten, kleine Summen da oder dorthin zu setzen und erst wenn die erbarmungslosen Krücken der Croupiers das Geld, das sie vielleicht Gott weiß wie nothwendig für sich und ihre Familien gebraucht hätten, einstrichen, zogen sie sich leise und beschämt zurück und suchten sich unter die Menge zu verlieren. Aber Niemand achtete auf sie; das waren ja doch nur Eintagsfliegen, Motten, die um das Licht flatterten und sobald sie sich einmal die Flügel leicht versengt, untauglich für weiteren Gebrauch wurden.

Die hartnäckigeren Spieler, Stammgäste, wie man sie nennen könnte, hatten ihren Platz am Tische selbst, auf weich gepolsterten Stühlen, mit kleinen Täfelchen neben sich, auf denen sie die verschiedenen Chancen des Spiels notirten und sich dabei so gleichgültig als irgend möglich gegen Gewinn oder Verlust zu zeigen suchten.

Die beiden jungen Leute verstanden das Spiel gar nicht, und sie dachten noch weniger daran, »ihr Glück« zu versuchen, wie man das gewöhnlich nennt, wie es aber besser heißen sollte »ihr Geld dem grünen Tisch zu opfern.« Nur beobachten wollten sie, und dazu bekamen sie vortreffliche Gelegenheit in den verschiedenen Physiognomien der bei dem Spiel interessirten Menschen.

Wie sie noch so langsam, bald hier, bald dort umherschlenderten und sich leise ihre Bemerkungen mittheilten, fiel plötzlich in einem der anderen Säle ein Schuß, und was nicht unmittelbar an dem nächsten Tisch interessirt war, zog sich augenblicklich davon zurück, um zu sehen, was vorgegangen sei. Es kommt ja allerdings gar nicht so selten vor, daß ein armer Commis, der Geld für seinen Principal eincassirt, und hier in wenigen Stunden – vielleicht Minuten, Alles verloren hat, mit einer Kugel oder auf sonstiger Weise seinem Leben ein Ende macht. Aber es geschieht doch nicht oft, daß er einen solchen verzweifelten Entschluß gleich an Ort und Stelle ausführt, und ist sicher für die Bankhalter immer ein sehr unangenehmer Fall, da nachher zu viel darüber gesprochen und geschrieben wird.

Um so mehr wollten die Meisten aber auch Zeugen einer solchen Scene sein, und nur die wirklichen und leidenschaftlichen Spieler berührte es nicht. Was war es auch – ein werthloses Menschenleben, was hier eben, inmitten von Pracht und Haufen Goldes, geendet hatte – ein ekelhafter, unangenehmer Leichnam, den die Aufwärter nun so rasch als möglich entfernen, und das Blut vom Parket wegwaschen mußten. In zehn Minuten konnte das Alles beseitigt sein und es dauerte wirklich kaum so lange.