»Ich habe noch nie ein Wort mit ihm gesprochen.«

»Also gefällt Dir blos sein Gesicht nicht.«

»Du setzest die Worte falsch – mir gefällt sein Gesicht nicht bloß, er sollte einen Schleier darüber tragen, wie der Prophet von Khorassan und ich glaube bei Gott, er hat in seinem Charakter Aehnlichkeit mit dem.«

Frank lachte, warf den Mantel und Hut auf den nächsten Sessel, sich selber in einen, der Staffelei schräg gegenüber stehenden Lehnstuhl und sagte dann, indem sein Blick an dem auf der Staffelei befindlichen und noch nicht vollendeten Bild haftete:

»Du hast etwas auf dem Herzen, Ernst, herunter damit, ich bin gerade in der Stimmung Dir als »älterer Freund« – denn Dein Geburtstag fällt auf den 25sten, meiner aber schon auf den 14ten Juni, einen guten und väterlichen Rath zu ertheilen. – Aber vorher sage mir erst einmal, was Du aus dem Bild da machen willst. Ich werde nicht daraus klug, und Du mußt es ja auch in den letzten zwei Tagen, wo ich Dich nicht gesehen, nur so auf die Leinwand geworfen haben.«

Das Bild stellte eine wilde Alpenlandschaft vor, mit rechts einer sogenannten »Lanne,« einem grünbewachsenen, ziemlich schräg abfallenden Bergabhang, an welchem ein paar einzelne Lärchen-Tannen wuchsen. An der einen stand eine Mädchengestalt, mit im Winde flatternden Locken, und den Baum, wie Schutz suchend, umklammernd. Oben an der, von der Lanne emporstrebenden Bergwand, setzte ein Rudel Gemsen in voller Flucht hinüber – die Thiere waren wenigstens flüchtig angedeutet.

»Was soll denn das vorstellen?« – fuhr er nach einer kleinen Weile fort – »willst Du noch irgendwo einen Räuberhauptmann anbringen, der die junge Dame überfällt? Sie umfaßt ja den Baum als ob sie ihn im Leben nicht wieder los lassen wollte.«

Trautenau hatte seine Arbeit indessen keinen Augenblick unterbrochen, und die Gestalt an der Wand nur noch immer mehr ausgeführt. Er verschönerte aber die Figur keineswegs, und schien fast Gefallen daran zu finden, den Ausdruck aller bösen Leidenschaften in das Gesicht hinein zu legen. Jetzt drehte er sich um, stieg herunter, warf die Kohle auf den Tisch, wusch sich die Hände in einem daneben stehenden Becken und sagte:

»Du sollst die Geschichte hören, Frank – wenn auch nur in ihren flüchtigen Umrissen – ich wollte es Dir schon lange erzählen, und Dich um Deinen Rath fragen. Aber wir müssen dazu ungestört sein, denn wenn ich einmal unterbrochen werde, weiß ich nicht, ob ich den Muth haben werde, zum zweiten Male zu beginnen.«

Damit ging er zur Thür, riegelte sie zu, warf noch einen festen Blick über das unvollendete Bild auf der Staffelei und begann dann, indem er mit untergeschlagenen Armen im Zimmer auf- und abging: