»Ich war im vorigen Herbst, wie Du weißt, in Tyrol, jene Gegend ist aus einem der dortigen Thäler; ich wanderte mit meiner Mappe durch den wilden Grund, als ich plötzlich einen gellenden Hülferuf höre, und aufschauend, gar nicht so weit über mir eine weibliche Gestalt in einem lichten Kleide und jener Stellung, wie Du sie hier auf dem Bilde findest, den Baum umklammern sehe. Nirgend weiter war mehr ein menschliches Wesen zu entdecken, und obgleich ich mir nicht denken konnte, weshalb die Dame schrie, denn eine Gefahr gab es ringsum nicht, säumte ich doch nicht, so rasch mich meine Füße trugen, dort hinauf zu eilen, was auch mit keinen großen Schwierigkeiten verbunden war.«

»Ich fand ein Mädchen – erlaß mir die Beschreibung – Du kennst sie auch wahrscheinlich selber, denn sie wohnt seit vorigem Winter mit ihrem Vater hier in M–«

»Und wie heißt sie?«

»Den Namen nachher. – Es war ein Wesen, so zart und duftig, als ob es dieser Erde gar nicht angehöre – eine Bergelfe, die ihre Zeit verpaßt, und am hellen Tag aus ihrem Schlupfwinkel herausgekommen war, um sich –«

»An einen Baum anzuklammern und zu schreien,« sagte Frank trocken.

»Du hast sie nicht gesehen und verstehst mich deshalb nicht,« erwiderte, verdrießlich über den prosaischen Einwurf, der Freund. »Was wußte das arme Kind von den Bergen. Muthwillig, in kindlichem Uebermuth war sie ihrer Gesellschaft davon gelaufen, um hier über den grünen Wiesenhang hin ein Stück vom Weg abzuschneiden, bis sie die Lanne steiler fand, als sie Anfangs geglaubt und nun schwindlich wurde und Angst bekam. Kaum erreichte sie noch den Baum, als sie ihn auch umfaßte, um sich daran zu halten, und nun durch ihr Rufen die übrige Gesellschaft herbei zu ziehen suchte.«

»Und Du warst der Glückliche, der sie fand.«

»Ja – ich sprach ihr Trost ein, ergriff ihre Hand, während sie sich fest und schüchtern an meinen Arm anklammerte, und führte sie den übrigen Theil der hier allerdings ziemlich steilen Lanne bis auf den durch das Thal laufenden Pfad hinab, wo wir auch gleich darauf ihre Gesellschaft bemerkten, die denselben nicht verlassen hatte, und nun etwas später eintraf.«

»Und wie heißt Deine Schöne?«

»Damals erfuhr ich nur ihren Vornamen: Clemence, wollte mich aber der Gesellschaft nicht aufdringen und zog mich bald darauf zurück, weil ich sie den Abend schon wieder in dem nächsten Gasthof zu finden hoffte. Ich hatte mich getäuscht – sie waren weiter gegangen – ich folgte ihnen, umsonst; auf der Landstraße endlich verlor ich ihre Spur, bis ich ihr hier, vor vierzehn Tagen etwa – Du kannst Dir meine Freude denken, in M– begegne.«