Frank verstand allerdings das Spiel gar nicht, Trautenau dagegen hatte auf seinen verschiedenen Reisen schon öfter Gelegenheit gehabt es zu beobachten und zu verfolgen, und es konnte ihm bald nicht mehr entgehen, daß der Major ziemlich hoch und zwar nach einem bestimmten Plan spiele, während die Dame an seiner Seite, die aber noch immer den Kopf abgedreht hielt, bald da, bald dort pointirte und den hinter ihr stehenden jungen Mann dabei oft um Rath frug. Die Gestalt konnte aber nicht die Clemences sein. Sie schien allerdings von hoher, stattlicher Figur, kam Ernst aber weit stärker vor, als Clemence gewesen – auch die Contur der Wangen war voller als er sie gekannt. Nur das Haar glich dem ihrigen vollkommen und man hätte kaum glauben sollen, daß zwei Personen eine so ähnliche und wahrhaft prachtvolle Lockenfülle haben könnten. Aber sie war es trotzdem nicht; es ließ sich ja auch nicht denken, daß Clemence, das stolze, schöne Mädchen, so weit gesunken sein könne, um hier am grünen Tisch –

In dem Moment drehte sie den Kopf zur Seite – der bis jetzt hinter ihr stehende junge Herr hatte sie einen Augenblick verlassen, um zu einem anderen Spieler hinüber zu treten. Sie schien ihn zu suchen und ihr Blick streifte selbst Trautenau's Gestalt – wenn auch vollkommen gleichgültig, denn er trug nicht die bestimmten Formen, denen sie folgte.

»Beim ewigen Gott, sie ist es,« stöhnte da Ernst, indem er scheu und erschrocken einen Schritt zurücktrat – »Clemence!«

»Wahrhaftig? das ist allerdings merkwürdig,« sagte Frank, »und hier der Tisch wäre der letzte, hinter dem ich sie gesucht hätte. Sie scheint aber stärker geworden zu sein. Ah, da tritt auch ihr Courmacher wieder hinter ihren Stuhl. – Komm Ernst; ich glaube, wir haben genug gesehen, um nicht nach Weiterem zu verlangen. Die Dame scheint sich in ihrem neuem Beruf außerordentlich wohl zu fühlen.«

Trautenau erwiederte kein Wort; es schnürte ihm das Herz zusammen, der Athem wurde ihm schwer, und er drängte selber jetzt hinaus in's Freie, weil er den Anblick nicht länger ertragen konnte.

Das Interesse für die früher Geliebte war aber doch zu frisch und gewaltig geweckt worden, um es so rasch wieder abschütteln zu können, und da selbst Frank neugierig geworden war, zu erfahren, unter welchen Verhältnissen sich die beiden Gatten hier aufhielten, so ließen sie sich, in ihrem Hôtel angelangt, vor allen Dingen die Kurliste geben, um dort die Namen aufzusuchen und dadurch ihren Wohnort herauszubekommen.

Es dauerte allerdings einige Zeit, bis sie das alphabetisch geordnete und etwas voluminöse Actenstück durchstudirt hatten, aber den Namen Reuhenfels fanden sie nirgends angegeben – nicht in der alphabetischen Ordnung, nicht unter den einzelnen Hôtels. War er etwa hier in Wiesbaden ansässig? dann kam er allerdings nicht in die Kurliste. Aber auch im Adreßbuch stand er nicht. Da fiel, als Trautenau noch einmal die Kurliste aufschlug, sein Auge zufällig auf den Namen »Zu Berg« – Reuhenfels hatte ja – soviel erinnerte er sich, den Namen »zu Berg« bei dem eigenen. – Das mußte er jedenfalls sein und als Wohnung des »Baron und Gemahlin nebst Bedienung« war Hôtel Kompelt angegeben.

Also er reiste, wenn auch nicht unter falschem, doch jedenfalls verstellten Namen, und das schien erklärlich, denn er mochte Ursache haben, sich der Vergangenheit zu schämen. Auch der verschnittene Bart sprach dafür, der ihn allerdings so entstellte, daß ihn selbst Frank niemals unter demselben aufgefunden hätte.

Die beiden jungen Leute waren aber doch neugierig geworden, etwas mehr von den alten Bekannten zu hören. Besonders Frank, der recht gut wußte, daß man sich dafür in M– außerordentlich interessiren würde – und beschlossen deßhalb jedenfalls noch bis zum nächsten Mittag in Wiesbaden zu bleiben und Nachforschungen anzustellen, denn heute Abend war es dazu allerdings zu spät geworden.

Ernst aber konnte Clemences Bild, wie er sie an dem Spieltisch gesehen, nicht wieder aus dem Gedächtniß bringen. Wie hatten sie die wenigen Jahre verändert – wie gänzlich umgestaltet. Vermögenlos konnte sie allerdings nicht sein, denn sie prangte noch immer im höchsten Staat – aber wohin war der gute, liebe Ausdruck in ihren Zügen gekommen? wohin jene schüchterne Jungfräulichkeit, die er sonst darin zu finden geglaubt. Sie war wohl noch schön – oh so wunderbar schön wie je; aber mochte die Umgebung dabei die Schuld tragen, genug ihm machte es den Eindruck, als ob sie jene holde Weiblichkeit verloren habe, die gerade so bezaubernd auf das Männerherz wirkt und es fesselt. Auch ihr Blick, wenn sie ihn im Saal umherwarf, schien weit mehr keck und herausfordernd gewesen zu sein als er es gewünscht, und an dem Spieltisch sich wie zu Hause zu fühlen. Ja, er erinnerte sich jetzt sogar, daß sie eine kleine Geldkrücke in der Hand geführt und ein Blatt zum Controliren des Spiels neben sich gehabt, – ganz wie es alte Spieler gewöhnlich thun. Sie konnte doch nicht in den wenigen Jahren schon so tief gesunken sein.