Wie ihn die Gedanken quälten – und er grübelte und sorgte sich darüber, bis endlich die Müdigkeit seine Augen schloß.

Am andern Morgen war Ernst früh auf. In einem Badeort giebt es überhaupt wenig Langschläfer, denn schon die Kur erfordert viel Bewegung und die Damen wissen, daß sie in ihrem einfachen Morgenanzug oft ebenso hübsch, gewöhnlich aber in Wirklichkeit noch viel hübscher aussehen, als Nachmittags in allem Glanz einer Gesellschaftstoilette. Vor dem Kurhaus um den blitzenden Teich herum, in dem die Fontainen sprangen, ergingen sich denn auch schon eine Menge Damen, die, ihr Glas in der Hand, gewissenhaft ihre Promenade machten und dabei gar nicht so aussahen, als ob sie irgend wie nöthig hätten, ihrer Gesundheit wegen solch nichtswürdiges Wasser zu trinken. Aber die Form mußte beobachtet werden. Wenn sie auch nur ihres Vergnügens wegen, unter dem Vorwand von Nervenleiden, hierhergekommen waren und das eigentlich blos den Zweck hatte, eine reiche, dazu besonders angefertigte Garderobe zur Schau zu tragen, so durften sie sich doch der Kur nicht entziehen. Es hätte sonst der schmerzliche Fall eintreten können, daß ihnen der Gatte in der nächsten Saison die nothwendigen Reisespesen vorenthielt, und der Gedanke schon war furchtbar. Nein, da lieber Brunnen trinken.

Frank war zu Hause geblieben, um ein paar nothwendige Briefe zu schreiben, die, bei jetzt fest bestimmter Abreise seine Rückkunft daheim anzeigen sollten. Ernst dagegen machte vor allen Dingen einen Spaziergang nach dem Kurhaus, um dort erst einmal zu sehen, ob er Clemence nicht wieder begegnen könne. Die Musik spielte eben den unvermeidlichen Choral, um unmittelbar von demselben auf einen lustigen Schottischen überzuspringen; aber er suchte unter den dort auf und ab wandelnden Badegästen nach den lieben, bekannten Zügen der jungen Frau vergebens. Er konnte sie nirgends bemerken. Es gab allerdings in Wiesbaden auch noch andere Stellen, wo Brunnen getrunken, und zahllose, wo gebadet wurde, – möglicher Weise, daß sie sich dort irgendwo befand, aber dort hinaus konnte er sie in jeder Straße verfehlen, und er beschloß deshalb, ohne Weiteres in das von der Kurliste bezeichnete Hôtel zu gehen, um da womöglich einiges Nähere über das Ehepaar zu erfahren.

Clemence befand sich übrigens diesen Morgen nicht in dem gewöhnlichen Gedräng der Kurgäste, weder hier noch in einem anderen Theil der Stadt, sondern schritt nicht weit von der Stelle, wo das Grabmal der verstorbenen Herzogin steht, am Arm eines jungen, sehr elegant gekleideten Herrn – desselben, der gestern Abend hinter ihrem Stuhl am Spieltisch gestanden, – langsam durch das Gehölz. Beide schienen auch in ernster und eifriger Unterhaltung begriffen, in welche sie aber doch nicht genug vertieft waren, um nicht dann und wann wie scheu den Blick nach rechts und links zu werfen, als ob sie fürchteten beobachtet zu werden.

»Ich halte es beim Himmel nicht mehr aus, Armand,« sagte da die junge Frau. – »Er wird mit jedem Tage roher und unerträglicher – ein wahrer Teufel. Ach, jener Maler hatte Recht, der ihn in der Gestalt mit auf mein Bild brachte.«

»Nur noch eine kurze Zeit, Clemence, um meinetwillen,« bat da Armand. »Du weißt ja, daß ich meine Schwester hier nicht verlassen kann, und in acht Tagen spätestens, vielleicht schon früher, kommt ihr Gatte zurück. Dann sinnen wir auf Mittel und Wege, wie wir unsere Flucht bewerkstelligen.«

»Dann ist es zu spät,« sagte Clemence düster, »denn gestern Abend noch hat er mir erklärt, daß wir in den nächsten Tagen Wiesbaden verlassen werden.«

»Und wohin will er sich wenden?«

»Er weiß es noch nicht, oder würde es mir auch nie sagen, weil er unser Einverständniß ahnt, oder doch wenigstens Verdacht geschöpft hat. Er scheint auch nur von hier fortzugehen, um uns zu trennen.«

»So bald schon,« rief Armand erschreckt aus – »oh, ich kann Dich nicht verlieren, Clemence, ich würde elend mein ganzes Leben werden.«