»Ich habe Niemanden,« sagte Clemence eintönig, »Niemanden, als jene frechen Spielgenossen Kuno's, die wohl zu einem Abenteuer geneigt wären, aber niemals einer armen unglücklichen Frau Schutz verleihen würden. Du kennst sie ja selber.«
»So will ich sehen, daß ich Jemanden finde,« sagte Armand nach einer kurzen Pause – »es muß sein – es muß, denn ich selber ertrüge dieses Leben nicht, wenn ich Dich in der Gewalt jenes Elenden länger wissen sollte.«
»Aber die Zeit drängt – denke Dir Armand, daß es vielleicht schon morgen zu spät ist.«
»Wo kann ich Dich heute Abend noch einen Augenblick sprechen?«
»An der zweiten Urne, wo wir uns im vorigen Jahr zum ersten Mal trafen,« sagte Clemence nach kurzem Bedenken – »wenn Kuno heute Abend in das Kurhaus geht, werde ich unter irgend einem Vorwand zurückbleiben. Es wird ihm nicht auffallen, denn ich habe es schon öfters gethan, weil mir der zu lange Aufenthalt unter den Gasflammen häufig Kopfschmerzen macht. Ich folge ihm dann gewöhnlich um acht Uhr – Du aber darfst im Saale nicht fehlen – halb acht Uhr nur suche einen Augenblick abzukommen; pünktlich zu der Zeit bin ich an der Urne, und werde auch heute Abend noch Alles packen, um jeden Augenblick bereit zu sein.«
»Ich danke es Dir mein ganzes Leben, Clemence,« sagte Armand herzlich – »doch noch eine Frage. Hast Du lange Nichts von Deinem Vater gehört? Zu ihm müssen wir, damit er das Band, das Dich an den rohen Burschen knüpft, wieder löse. Du sagtest mir ja selber, daß er mit Reuhenfels gebrochen habe.«
»Ja, sie haben sich, so eng sie früher auch befreundet schienen, veruneinigt. Was da vorgefallen ist, weiß ich nicht, aber harte Worte fielen zwischen Beiden, und ich durfte, als wir fortreisten, nicht einmal von dem Vater Abschied nehmen. Neuerdings schien sich wieder ein Verständniß anzubahnen. Wir waren bei ihm in Paris und Reuhenfels verkehrte viel geheim mit ihm, bis mein Vater eines Tages, ohne mir selber vorher ein Wort davon zu sagen, eine Reise machte. Er sandte mir nur durch Reuhenfels Botschaft, daß er vielleicht acht oder vierzehn Tage könne ferngehalten werden, und da mein Mann nicht so lange warten wollte, fuhren wir an den Rhein in die Bäder – zuerst nach Ems, dann nach Baden-Baden, jetzt hierher.«
»Aber Dein Vater ist jetzt doch jedenfalls wieder in Paris?«
»Ich weiß es nicht – ich habe seit der Zeit keine Nachricht bekommen, obgleich ich selber dreimal an ihn schrieb. Wir wechselten aber den Aufenthaltsort zu rasch, und ein Brief kann recht gut verloren gegangen sein. Ha! dort kommen Leute – verlaß mich jetzt Armand, wir dürfen nicht zusammen gesehen werden.«
»Also heute Abend halb acht Uhr.«