»Wirklich?«
»Ewig Streit und Skandal, wenn sie zu Hause sind. Der Herr Gemahl scheint etwas eifersüchtiger Natur, und hat auch vielleicht Ursache. Lieber Gott, in Badeorten fällt ja so Manches vor, und man darf sich eigentlich gar nicht darum bekümmern.«
Der Kellner wurde abgerufen und Trautenau blieb in tiefes Nachdenken versenkt, allein zurück. Still nickte er dabei vor sich hin mit dem Kopf – waren ihm doch nur eben seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt worden – Arme Clemence! Wie Recht hatte er gehabt, als er sie vor dem Menschen warnte, aber sie wollte ja nicht hören, und jetzt war sie vielleicht unglücklich für ihr ganzes Leben lang. Aber was konnte er dabei thun? Ihm stand kein Recht zu, sich in die Familienangelegenheiten ihm völlig fremder Menschen zu mischen. Daß er sie geliebt – daß er sie noch liebte? wie kam das in Betracht. Er stand auf – was sollte er auch länger hier in Wiesbaden, wo ihn nur der Schmerz, die Theilnahme um die Verlorene jede Stunde verbittert hätte. Er wollte noch an dem Mittag fort. Es war das Beste was er thun konnte.
Mit diesem Entschluß nahm er seinen Hut, und trat in die Thür, als er heftige Stimmen auf dem Vorsaal hörte. Es war ein Herr und eine Dame, die sich auf eine sehr lebhafte Art in französischer Sprache mit einander unterhielten, und er verstand eben nur noch die letzten Worte der Dame, die deutlich sagte:
»Du bist wie ein Thier, und ich schwöre es Dir zu, daß ich von diesem Augenblick an –« Sie schwieg plötzlich, denn sie gewahrte den Fremden. – Es war Clemence und zwar mit zornesbleichem Gesicht, das aber rasch Farbe bekam, als ihr Blick auf den, im Moment erkannten jungen Maler fiel.
Ernst konnte nicht gut umkehren, und obgleich er es lieber vermieden hätte, Clemence zu begegnen, blieb ihm doch jetzt keine andere Wahl, als eben gerade aus, und an den beiden Gatten vorüber zu gehen. Er mußte sogar grüßen, denn der jungen Frau Blick haftete starr, ja fast wie ersteckt auf ihm. Er zog den Hut. Auch der Major schien ihn wieder erkannt zu haben, wenn er sich auch vielleicht nicht gleich genau auf ihn besinnen mochte. Nur unwillkürlich griff er ebenfalls nach seinem Hut, sah sich noch einmal nach ihm um und sprang dann rasch die Stufen der Treppe hinauf, der Dame voran.
Clemence folgte ihm, aber auch sie warf noch einmal den Blick nach ihm zurück. Sie stieg auch die Stufen langsam hinauf und Trautenau sah, daß sie dabei den einen Handschuh auszog. Jetzt blieb sie stehen und wieder drehte sie den Kopf, und als sie fand, daß Trautenau's Blick noch immer, wie gebannt, an ihr haftete, bemerkte der junge Maler, daß etwas Weißes, an ihrem Kleid nieder, auf die Stufen fiel, wo es liegen blieb. Aber sie bückte sich nicht danach, und folgte jetzt, rascher als vorher dem Gatten.
Was war das? – ein Zeichen für ihn? Trautenau konnte es sich nicht erklären, denn schien es denkbar, daß Clemence Joulard ihm ein solches hinterlassen würde? Aber er wußte wenigstens daß dort etwas liegen geblieben war. Vielleicht hatte sie irgend etwas nur zufällig verloren, und er konnte es ihr dann durch den Kellner hinauf schicken.
Der Major wie Clemence waren schon oben im Gang verschwunden, und mit wenigen Sätzen sprang Ernst die Stufen hinauf und fand dort einen weißen, noch warmen Handschuh – mit einer Visitenkarte darin, auf welcher, in kaum lesbar feiner Schrift der Name Clemence zu Berg née de Joulard stand. Aber sonderbar – die Karte war oben am Rand sechsmal eingerissen.
Unten trat der Kellner in die Thür, Ernst barg seine Beute rasch in der Hand und wollte das Hôtel verlassen, denn zuerst mußte er mit Frank sprechen, wie er hier zu handeln habe, das Alles war so rasch gekommen, daß er kaum einen Gedanken fassen konnte.