»Erstlich hast Du sie früher gar nicht so genau gekannt, und nur par distance angebetet, und dann weiß man auch in der That nicht, was Alles in der Zeit kann vorgefallen sein.«
»Vielleicht verlangt sie in irgend etwas meine Hülfe.«
»Höre Ernst, wenn Du meinem Rath folgst, so gehst Du der Dame entschieden aus dem Weg. Wir wissen jetzt, was wir von dem Paare wissen wollten, und wahrscheinlich auch Alles, was wir überhaupt erfahren werden. Hat sie Streitigkeit, oder lebt sie in Unfrieden mit ihrem Gatten, so kann und darf sich da natürlich kein Fremder hineinmischen – ich wenigstens möchte dafür danken. Und dann, was könntest Du ihr auch helfen? Also folge mir, alter Freund. Heute Nachmittag halb drei oder drei Uhr – ich weiß es nicht genau, gehen fast zu gleicher Zeit die beiden entgegengesetzten Züge nach Frankfurt und nach Köln ab. Ich werde jedenfalls den einen benutzen, setze Du Dich in den anderen, und laß die gnädige Frau nur ruhig allein ausessen, was sie sich dazumal eingebrockt.«
»Werde nicht langweilig oder gar sentimental,« sagte Frank, »denn Du hast gar keine Ahnung davon, in welche höchst unangenehmen Verwickelungen Dich ein solcher Wahnsinn bringen könnte.«
»Und Du willst wirklich heute Mittag fort?«
»Ich muß jetzt. Ich habe meine Ankunft in M– fest auf übermorgen angezeigt und reichlich noch einen halben Tag, vielleicht sogar mehr, in Frankfurt zu thun. Ich kann nicht länger bleiben.«
Ernst schritt eine ganze Weile in tiefem Nachdenken neben dem Freund her. Er war unschlüssig, was er thun, wie er handeln solle. Seine Vernunft sagte ihm wohl, daß Frank vollkommen Recht habe, aber sein Herz drängte ihn doch immer wieder, der zu dienen, die lange Jahre hindurch nicht allein sein Ideal von Schönheit, sondern auch aller weiblichen Tugenden gewesen war. Er konnte sich den Glauben an sie wenigstens nicht so rasch erschüttern lassen.
»Und gehst Du heute mit dem Mittagszug nach Köln?«
»Ich weiß es nicht,« erwiederte Ernst zerstreut. »Ich weiß es wahrhaftig noch nicht, Frank.«