»Du irrst Dich, wenn Du glaubst, der Dame durch Dein Bleiben einen Gefallen zu erzeigen.«

»Ich werde ihr wahrscheinlich gar nicht wieder begegnen. Nur aus der Ferne möchte ich sie noch einen Tag beobachten. Ihr Benehmen dann soll nachher maßgebend für mich sein.«

»Ich will Dir etwas sagen, mein Junge,« bemerkte da Frank, »es ist ein ganz altes, ehrwürdiges Sprüchwort: Wer nicht hören will muß fühlen, und Du scheinst mir auf dem besten Weg dazu. Komm,« setzte er herzlich hinzu, »mach' den kleinen Umweg über Frankfurt und gehe mit mir. Ich gebe Dir mein Wort, ich lasse Dich hier nur mit recht schwerem Herzen zurück, und wollte zu Gott, wir hätten dies verdammte Wiesbaden im Leben nicht gesehen.«

»Ich bin ja doch kein Kind, Frank, daß ich tolle Streiche machen würde. Du darfst mir mehr zutrauen.« Frank seufzte, aber es ließ sich eben an der Sache nichts mehr ändern, Ernst mußte in der That wissen, was er selber zu thun hatte, und Beide schritten jetzt zu ihrer Wohnung zurück, um wenigstens die letzten Stunden noch zusammen zu verbringen. Frank redete dem Freund allerdings selbst noch auf dem kurzen Weg nach dem Bahnhof ernstlich zu, wenigstens das Haus des Herrn von Reuhenfels zu vermeiden und sich auf neutralem Boden zu halten. Ernst war aber recht einsylbig geworden, denn die bezeichnete Visitenkarte ging ihm im Kopf herum. Wenn Clemence nun wirklich nach ihm verlangte? – Wohl mußte er sich dabei sagen, daß er ihr gar Nichts helfen oder nützen könne – er wollte ja auch nur Gewißheit darüber haben, daß sie sich nicht unglücklich fühle – daß seine Befürchtungen ungegründet seien, und dann wieder kam das Bild der Frau dazwischen, wie er sie gestern Abend am Spieltisch gesehen, und wenn er sie dann dachte, wie er sie früher gekannt und geliebt hatte! Am Ende war es das Beste, er folgte Frank's Rath. Hätte er nur seine Sachen bei sich gehabt, er würde ihn selbst jetzt begleitet haben, aber dazu hatte er keine Zeit mehr.

»Hab' keine Angst um mich, Frank,« flüsterte er ihm aber noch in das Coupé hinein, »ich werde gewiß vernünftig handeln. Ich sehe ein, daß die jetzige Wirklichkeit nicht mehr mit meinem Ideal zusammenpaßt, ich werde mir eine noch bitterere Täuschung ersparen, und die Dame nicht besuchen, sondern den Handschuh einfach unten im Hotel abgeben.«

»Und versprichst Du mir das wirklich?«

»Hier hast Du meine Hand darauf.«

»Jetzt bin ich zufrieden und dann thu' mir nur noch die Liebe und mach' daß Du so rasch als möglich nach Köln hinunter kommst.«

Die Locomotive gab ihren schrillen Pfiff, der Zug that den ersten Ruck – Ernst reichte dem Freund noch einmal rasch seine Hand, dann zog sich die lange Kastenreihe am Perron hin, immer rascher rollten die Räder, und wenige Minuten später zeigte nur noch in weiter Ferne eine dichte weiße Dampfwolke, welche Richtung der davonbrausende Zug genommen.

Ernst schritt langsam nach der Stadt zurück, aber es litt ihn jetzt nicht zwischen den Häuserreihen. Er wollte hinaus in's Grüne, um dort noch ein paar Stunden zu verbringen. Diesen Abend spät ging noch ein Zug nach Bieberich, den konnte er benutzen, dann blieb er dort die Nacht im Rheinischen Hof, und fuhr am nächsten Morgen mit dem ersten oder zweiten Boot den schönen Strom hinab.