Allerdings dachte er wohl daran, gleich im Vorbeigehen den gefundenen Handschuh im Hotel abzugeben, und nur die Karte zum Andenken zu behalten, aber das hatte ja auch noch Zeit. Er mochte es sich freilich selber nicht eingestehen, doch zögerte er damit bis zur sechsten Stunde. Er war dabei fest entschlossen, Clemence nicht aufzusuchen, er hatte es ja auch dem Freunde versprochen, aber – er wollte doch einmal sehen, ob die sechsmal eingerissene Karte wirklich eine Bedeutung gehabt, oder nur durch einen harmlosen – wenn freilich wunderlichen Zufall, ihm in die Hand gespielt sei.

Es mußte und konnte ja auch nur ein Zufall gewesen sein. Je mehr er darüber nachdachte, desto mehr fühlte er sich davon überzeugt. Ein Zeichen? – Wie wäre die Frau nur im Stand gewesen so rasch einen Entschluß zu fassen, oder gar gleich danach zu handeln, denn das Ganze, von dem Augenblick an wo sie ihn erkannte, bis zu dem Moment wo der Handschuh auf die Treppe fiel, konnte kaum zwei Minuten Zeit in Anspruch genommen haben. Nein, so durchtrieben war Clemence nicht, und wäre er jetzt selber zu ihr gegangen, um ihr den Handschuh zurückzubringen, sie würde jedenfalls über ihn gelacht, oder sich auch vielleicht gar beleidigt gefühlt haben, daß er sie, einer solchen Kleinigkeit wegen, belästige; dem durfte er sich nicht aussetzen. Hätte er Frank auch das Versprechen nicht gegeben, war er doch jetzt fest entschlossen, die Rückgabe des Handschuhs durch einen Kellner zu erledigen.

Sonderbar nur, daß er sich auf dem ganzen Spaziergang immer und ausschließlich mit Clemence beschäftigte. Er passirte einige Punkte von denen man eine reizende Aussicht über die Stadt und das Thal hatte, aber er bemerkte sie gar nicht. Sein Auge blieb allein auf den Weg geheftet, und fast, ohne sich der Richtung die er nahm, klar bewußt zu sein, lenkte er doch immer wieder in einem größeren Bogen zu der Stadt zurück, um eben die sechste Stunde im Hotel nicht zu versäumen.

Achtes Kapitel.
Das Wiedersehen.

Er erreichte den Platz, an welchem das Hotel lag, wirklich pünktlich. Die Uhren schlugen gerade an, als er schräg über denselben hin, dem Hause zuschritt. Er beobachtete auch genau dabei die Fenster, ob er vielleicht irgend eine weibliche Gestalt an einem derselben entdecken könne – aber vergebens. Es zeigte sich Niemand und nur in der ersten Etage waren in einer Stube die Gardinen herunter gelassen, so daß er von unten natürlich nicht bemerken konnte, ob irgend Jemand dahinter stand. Doch was kümmerte das auch ihn – Frank hatte sein Wort, und er wollte nicht einmal im Hause nachfragen, in welcher Etage die Herrschaft wohne, um den gefundenen Handschuh abzugeben, – weiter Nichts, und das war ja in wenigen Secunden geschehen. Dann ginge er nach Hause, packte seinen Koffer und verließ Wiesbaden auf Nimmerwiedersehen.

Wie er das Hôtel betrat, kam ein junges Mädchen die Treppe herunter, das in großer Eile zu sein schien. Ernst beachtete sie aber nicht. Er trug den leichten Handschuh zwischen den Fingern und wollte sich eben damit rechts gegen den Speisesaal wenden, als ihm das Mädchen den Weg dorthin abschnitt, oder vielmehr direct auf ihn zukam und freundlich mit etwas fremdartigem Dialect sagte:

»Haben Sie vielleicht den Handschuh, den Sie da tragen, hier im Haus gefunden, mein Herr?«

»Allerdings, mein Fräulein,« erwiederte Ernst, »ich war auch eben im Begriff ihn wieder abzuliefern. Kennen Sie ihn?«

»Ja gewiß,« antwortete das junge Mädchen, das ihn nahm und betrachtete, »er gehört meiner gnädigen Frau.«

»Dann bitte empfehlen Sie mich der Dame, und sagen Sie ihr, daß ich mich –«