»Ich stand kurz vorher noch hinter seinem Stuhl und schlenderte dann langsam nach dem anderen Tisch hinüber; er weiß, daß ich nie bestimmt setze.«
»Also auf Wiedersehen, Armand – o wie mir das Herz klopft, wenn ich an die Zeit denke.«
»Und Du vergißt den Ort nicht?«
»St. Goarshausen – im goldenen Rosse.«
»Die Bahn geht von Bieberich den Rhein abwärts.«
»Ich weiß es,« und sich fest in ihren Burnus hüllend, eilte sie jetzt, so rasch sie konnte, dem ganz nahen Kurhaus und den Spielsälen zu, während ihr die Kammerfrau noch ein paar Schritt folgte und dann umdrehte, um nach Hause zurückzukehren. Sie hatte für morgen früh noch entsetzlich viel zu besorgen.
Neuntes Kapitel.
Verfolgend und verfolgt.
Der nächste Morgen kam, und in demselben Moment, als vor dem Kurhaus wieder (eine ganz merkwürdige Melodie für ein, zu Spielhöllen benutztes Gebäude) der Choral begann, läutete draußen am Bahnhof die Glocke, die Locomotive pfiff und in einem Coupé erster Classe saßen, glücklich entkommen, unsere drei Flüchtigen und dampften, unmittelbar an dem schönen Strom hinab, der Freiheit entgegen.
Von Reuhenfels lag indessen noch in seinem Bett und schlief sanft, denn er war gestern sehr lange mit Freunden auf und beisammen, und vielleicht etwas schärfer hinter der Flasche gewesen, als gewöhnlich. Es mochte halb acht Uhr sein, als er endlich aufstand, denn die in sein Zimmer fallenden Sonnenstrahlen genirten ihn. Er wusch sich und zog sich an, stopfte sich dann eine Pfeife, zündete sie an und lehnte sich damit zum Fenster hinaus, um die wundervolle Morgenluft zu genießen – aber er bekam Appetit nach dem Caffee und draußen schlug es schon acht Uhr. Wo blieb nur Clemence heute?
Er war nicht besonders guter Laune, denn er hatte gestern Abend wieder ein paar hundert Thaler verloren und doch gerade auf Glück gehofft, auch schmeckte ihm, nach der halb durchschwärmten Nacht, der Taback heute Morgen nicht besonders. Er wurde endlich ärgerlich, daß die Frau noch nicht zurückkam, und klingelte nach dem Caffee. Bis er kam, schritt er langsam und mit finster zusammengezogenen Brauen in dem kleinen, aber freundlichen Gemach auf und ab, als sein Blick zufällig auf den runden, in der Ecke stehenden Tisch fiel und er dort einen noch geschlossenen Brief bemerkte. Er nahm ihn und las die Adresse, aber das Herz stand ihm still dabei, denn die Aufschrift lautete nicht, wie er jetzt alle seine Briefe erhielt – Dem Herrn Baron zu Berg, sondern: Dem Major von Reuhenfels, und das war die Handschrift seiner Frau.