Mit zitternden Händen riß er das zierlich gefaltete Blatt auseinander und las, während seine Augen Feuer sprühten und seine Zähne sich fest zusammenbissen:
»Herr Major! Wenn diese Zeilen in Ihre Hände fallen, bin ich frei von einer verhaßten und unerträglich gewordenen Verbindung. Versuchen Sie nicht, mir zu folgen; es wäre nutzlos. Ich habe den Freund wiedergefunden, für den das Herz der Jungfrau in erster Liebe schlug – ich werde nie wieder von seiner Seite weichen. Meine Mutter wird das Geschäftliche mit Ihnen besorgen und die Verbindung lösen, die ich in unseliger Verblendung eingegangen. Leben Sie wohl.
Clemence Joulard.«
Einen Moment stand Reuhenfels sprachlos vor Wuth und Schreck und Staunen über das noch Unbegreifliche – aber das dauerte nicht lange. Er war wahrlich nicht der Mann, etwas derartiges ruhig und geduldig über sich ergehen zu lassen, und wie er nur erst wieder denken und überlegen konnte, fuhr er auch wild und entschlossen empor.
»Versuchen Sie nicht mir zu folgen?« rief er höhnisch vor sich hin – »hoho Madame. Sie haben sich in mir geirrt, wenn Sie glaubten, daß Sie mir entgehen könnten, und nur leichtsinnig und unüberlegt war es von Ihnen gehandelt, mir den Schurken zu bezeichnen, der es gewagt hat, in meine Rechte einzugreifen. Ich kenne ihn, diesen gemeinen tückischen Farbenschmierer der – aber alle Teufel!« unterbrach er sich plötzlich rasch, indem ein neuer Gedanke sein Hirn kreuzte. »Sollte Clemence? – Sie ist bei Gott schlau genug, um ihr etwas Derartiges zuzutrauen.« –
Rasch stellte er die, überhaupt schon lange ausgegangene Pfeife in die Ecke und beendete in Hast seine Toilette. Zugleich klingelte er nach dem Stubenmädchen, um zu erfahren, ob die Kammerfrau auf ihrem Zimmer wäre. Das Mädchen kam nach wenigen Minuten zurück und meldete, das Fräulein sei heute Morgen mit der gnädigen Frau nach dem Bahnhof gefahren und noch nicht zurückgekehrt.
»Es ist gut!« brummte Reuhenfels zwischen den Zähnen durch und war wenige Minuten später zum Ausgehen gerüstet. Aber nicht nach dem Bahnhof eilte er hinüber, sondern nach Armands Wohnung, zu dessen Zimmer er ohne Weiteres hinaufsprang.
Dort klopfte er an; aber Niemand antwortete. Die Thür war verschlossen und fast zitternd vor Wuth flog er wieder zu dem Portier hinab.
»Wann ist Monsieur Armand heute Morgen abgereist?« rief er hier mit heiserer Stimme.
»So viel ich weiß, gar nicht,« erwiederte der höfliche Portier. »Monsieur kamen etwas spät nach Haus und schlafen wahrscheinlich noch. Der Schlüssel ist wenigstens nicht unten.«