»Hallo, zu Berg!« rief Armand, sich in seinem Bett emporrichtend, »was zum Henker führt Sie denn mit Tagesgrauen zu mir?«
»Tagesgrauen – es ist fast neun Uhr.«
»So spät? Ich habe unverzeihlich lange geschlafen, aber das letzte Glas Grog, das wir gestern Abend zusammen tranken, hat mir den Rest gegeben. Und womit kann ich dienen?«
»Ich – wollte Sie fragen, ob Sie hier in Wiesbaden einen deutschen Maler Namens Trautenau kennen.«
»Einen deutschen Maler? nein. Wollen Sie sich heute in aller Frühe ein Bild bei ihm bestellen?«
»Ich wollte, ich könnte ihn finden,« rief Reuhenfels, und er mußte sich in der That Mühe geben, die furchtbare Aufregung, in welcher er sich befand, zu verbergen. »Entschuldigen Sie, Armand, daß ich Sie gestört habe, aber da ich gerade hier vorbei ging, fiel es mir ein, Sie zu fragen.«
»Wenn Sie ein paar Minuten unten im Gastzimmer warten,« sagte Armand, »so komme ich hinunter und begleite Sie. Ich mache meine Toilette in unglaublich kurzer Zeit und muß doch zu Ihnen, denn ich habe Ihrer Frau Gemahlin gestern Abend versprochen, ihr heute Morgen eine Photographie von Salzburg zu bringen, die sie sich gewünscht.«
»Das eilt nicht,« entgegnete Reuhenfels kurz, »meine Frau ist – überdies wieder mit einer Freundin spazieren gegangen, und Sie würden sie jetzt nicht einmal treffen. Also auf Wiedersehen, Armand,« – und ohne sich in eine weitere Unterhandlung einzulassen, eilte er rasch nach Hause, raffte, was er zu einer kurzen Fahrt brauchte, zusammen, überlieferte seine Schlüssel dem Wirth und lief dann mehr als er ging auf den Bahnhof hinaus, um dort nur eine Spur von der Flüchtigen zu bekommen.
Hier half es ihm freilich Nichts, Erkundigungen einzuziehen, denn die eine Bahn führte nur nach Bieberich, von wo dann zwei verschiedene Geleise – eines stromauf, eines stromab – auszweigten. Wie aber sollte er sich dort, in dem Gewirr von Fremden, nach der Flüchtigen erkundigen – von wem sollte er Auskunft erlangen? Den einen Cassirer am Schalter nach Mainz und Frankfurt kannte er freilich und dort war Hoffnung, denn dieser kannte auch seine Frau und konnte ihm wenigstens sagen, ob er sie an dem Morgen im Bahnhof irgendwo gesehen habe. Er hielt sich deshalb auch gar nicht in Wiesbaden selber mit Fragen auf, sondern bestieg augenblicklich den gleich abgehenden Zug, um nur wenigstens erst einmal Bieberich zu erreichen. Der kleine Handkoffer, den er bei sich führte, enthielt auch ein paar vortreffliche Duell-Pistolen und er war fest entschlossen, Gebrauch von ihnen zu machen, wo er den Entführer antreffen mochte. Hegte er ja doch jetzt einen doppelten Haß gegen ihn, und seiner Rache sollte er wahrlich nicht entgehen.
In Bieberich angekommen, eilte er augenblicklich an die Casse und seine erste Frage war: