Die fremden Herren erwiederten nichts weiter, sondern schritten zusammen auf den Platz hinaus, unterhielten sich aber dabei sehr angelegentlich in französischer Sprache miteinander.
»Der Vogel ist ausgeflogen,« sagte der Eine, als sie sich außer Hörweite des Kellners wußten – »daß wir auch nicht ein paar Stunden früher hier eintreffen konnten. Was nun?«
»Jedenfalls ist er mit der Eisenbahn fort, dabei brauchen wir aber nichts zu beeilen,« meinte der Andere, »denn der nächste Zug geht erst in zwei Stunden. Wie aber der Kellner sagt, hat er hier noch seine Sachen stehn, und es wäre der Mühe werth, die indessen zu untersuchen. Vor allen Dingen müssen wir nach den verschiedenen Stationen abtelegraphiren – vielleicht erhalten wir eine günstige Rückantwort, und dann visitiren wir das Nest da oben.«
Damit schienen die Anderen einverstanden und trennten sich jetzt erst wieder in der Stadt, um nachher aufs Neue hier zusammenzutreffen. Hinter den grünen Vorhängen der Fenster hatte sie aber der Oberkellner aufmerksam beobachtet, und rieb sich sehr bedenklich die Hände:
»Alle Teufel,« murmelte er dabei, »das ist, hol mich Dieser und Jener, Polizei; den Einen kenne ich; das ist der geheime französische Agent, der sich hier immer in Wiesbaden aufhält, und genau so thut, als ob er sich um keinen Menschen auf Gottes Welt bekümmerte – und ob der Halunke nicht Alles weiß was vorgeht – Einer mußte ein Fremder sein, aber der dritte war ja unser liebenswürdiger Meier – die rechte Hand vom Polizeidirector. Sollten die denn hinter dem Baron her sein? – wäre nicht übel, so ein vornehmer Herr. Wenn man ihm nur wenigstens einen Wink geben könnte, aber weiß der Henker wo der jetzt steckt. – Oder hat er vielleicht gar selber Wind bekommen? – Na dann können sie schnüffeln, denn der ist von klein auf in der Welt gewesen und weiß Bescheid.« – Und mit diesen Gedanken ging er, sich wieder vergnügt die Hände reibend, an seine gewöhnliche Morgenbeschäftigung – d. h. er setzte sich vor das große Hauptbuch und kratzte sich hinter den Ohren.
Zehntes Kapitel.
Die Entführung.
So ängstlich sich Clemence gezeigt, als sie an dem Morgen den Gatten verließ, so daß sie nur zitternd auf den Bahnhof eilte und dort der furchtbaren Aufregung, in welcher sie sich befand, kaum Herr werden konnte, so plötzlich war jede, auch die letzte Angst von ihr genommen, als sich der Zug in Bewegung setzte, denn von dem Augenblick an hielt sie sich für sicher. Trotzdem versäumte sie keine nur irgend mögliche Vorsicht, und da sie recht gut wußte, daß man sie in Bieberich, besonders an dem Mainzer Schalter kannte, ging sie selber dorthin um Billete zu lösen, während Trautenau die wirklichen Billete nach St. Goarshausen nahm. Die List wäre auch vollständig geglückt, wenn eben nicht Reuhenfels zufälliger Weise den Herrn von Plauen auf dem Bahnhof angetroffen hätte, der ihn freilich, ohne es zu wissen, auf die rechte Fährte setzte.
Indessen verfolgten die Flüchtigen ahnungslos ihren Weg, und erreichten nach einer kurzen aber reizenden Fahrt das ziemlich große Dorf St. Goarshausen, einen der schönsten Punkte am ganzen Rhein.
Trautenau war selig; er durfte neben der Geliebten sitzen, ihre Hand halten, ihr in die guten Augen sehen und ihrer silberreinen Stimme lauschen, ja da noch zwei Fremde, ein Herr und eine junge Dame im Coupé wenn auch an der anderen Seite saßen, wehte ihn sogar, als sie sich flüsternd zu ihm überbog, ihr warmer Athem an. Er hörte auch kaum was sie sprach; es war ihm genug in ihrer Nähe zu sein. Aber wie das Alles enden würde! Wie hätte er in diesem seligen Augenblick der Gegenwart nur an die Zukunft denken mögen oder können. Er war auch mit Allem einverstanden, was sie ihm vorschlug, daß sie jetzt erst einmal in St. Goarshausen, einem kleinen unbedeutenden Ort, ein paar Tage still liegen wollten, um Reuhenfels, der jedenfalls schon auf der Verfolgung begriffen sei, von ihrer Spur abzubringen. Gewiß suchte er sie auf den größeren Stationen, und hatte auch wohl Freunde veranlaßt, ihn dabei zu unterstützen, damit er sowohl den Norden als Süden im Auge behalten konnte. Waren aber erst einmal ein paar Tage vergangen, so mußte er sie natürlich fern glauben, und dann gelang es ihnen leicht, mit irgend einem Nachtzug von hier aus die französische Grenze zu erreichen.
Clemence schien auch in St. Goarshausen bekannt, denn sie beorderte augenblicklich, wie sie nun dort anhielten, ein paar Träger, um ihre Sachen in das goldene Roß hinauf zu schaffen. Es war das auch keines der ersten Hôtels dicht am Rhein, wo allerdings ein reger Fremdenverkehr statt fand, sondern lag etwas abseits vom Strom mitten in der Stadt und schien in früherer Zeit – gerade dem Gemeindehaus gegenüber, den behäbigen Bewohnern des kleinen Orts zum Mittelpunkt ihrer Versammlungen und Casinos gedient zu haben. Jetzt freilich, wo der Verkehr einen ganz anderen Aufschwung genommen und von verwöhnten Fremden weit größere Ansprüche gemacht wurden, hatten sich neue sogenannte Hôtels, fast nur mit englischen Namen, unmittelbar an's Ufer des Rheines gesetzt, und im goldenen Roß kehrten nur noch die alten spießbürgerlichen Honoratioren ein, denen die Fremden ein Dorn im Auge waren, und die ungestört von ausländischem »Kauderwälsch« einen »guten« Schoppen trinken wollten.